Alice fällt durch den Kaninchenbau und gelangt in eine Wirklichkeit, in der nichts mehr selbstverständlich ist: Größenverhältnisse wechseln, Tiere sprechen, Bedeutungen verrutschen, Wörter führen ein Eigenleben und Identitäten werden unsicher. Gerade deshalb ist Carrolls Wunderland für mich ein Modell meines „Wunderlands der Zeichen“.
Auch meine Bilder führen nicht in eine geschlossene Welt mit einer eindeutigen Bedeutung. Sie gleichen eher einem Kaninchenbau kultureller Zeichen. Fragmente unterschiedlicher Zeiten und Herkunft treffen unvermittelt aufeinander: kunsthistorische Zitate, Comicfiguren, Masken, Landschaften, Zeichnungen, Fotografien, malerische Gesten und abstrakte Formen. Was ursprünglich nicht zusammengehörte, gerät in neue Nachbarschaften.
Alice wird dabei zu einer exemplarischen Figur des Sehens. Sie bewegt sich staunend durch eine Welt, deren Regeln sie nicht kennt. Immer wieder versucht sie zu verstehen, was ihr begegnet – und muss erfahren, dass jede gefundene Ordnung sogleich von einer anderen unterlaufen wird. In meinen Alice-Bildern erscheint sie entsprechend nicht nur als literarische Figur, sondern als eine Art Betrachterin innerhalb des Bildes: neugierig, irritiert, manchmal verloren inmitten einer Überfülle von Zeichen.
Das Weiße Kaninchen, der Märzhase, die Grinsekatze, Humpty Dumpty oder die Herzkönigin gehören zum kollektiven Bildgedächtnis und existieren in zahllosen Illustrationen, Filmen, Cartoons und digitalen Bildern weiter. Gerade diese kulturelle Wanderschaft interessiert mich.
In meinen Collagen werden sie erneut aus ihren Zusammenhängen herausgelöst. Die Grinsekatze kann sich in eine beinahe abstrakte Maske verwandeln, das Weiße Kaninchen vor einer barocken Bildwelt erscheinen, Humpty Dumpty zum grotesken Zeitgenossen werden. Die Figuren besitzen keine endgültige Gestalt mehr. Sie sind wandernde Zeichen, die ihre Geschichte mitbringen und zugleich neue Bedeutungen annehmen.
Besonders die Grinsekatze erscheint mir dafür geradezu emblematisch. Bei Carroll kann die Katze verschwinden, während ihr Grinsen zurückbleibt. Das Zeichen überlebt gewissermaßen seinen Träger. Das Lächeln wird selbständig – das emotionale Fragment wirkt mehr als die ganze Figur, ja, es wird symtomatisch.
Jedes Fragment besitzt eine Vorgeschichte, aber keine seiner Bedeutungen bleibt nach der Montage unangetastet. Ein "Zitat" bleibt erkennbar und wird zugleich Teil einer anderen Bildwirklichkeit. Ein Cartoon kann neben einem barocken Gemälde stehen, eine Zeichnung neben einer abstrakten Farbspur. Die Bilder bringen sich gegenseitig in Bewegung.