Maskengemälde bzw - Skulpturen sind dreifach strukturiert: Sie verbergen, nämlich den Maskenträger und sie zeigen, nämlich sich selbst als Masken, die sie gleichzeitig als Gemälde bzw. Skuipturen präsentieren. Paradigmatisch präsentieren und repräsentieren diese Masken-Werke auf verschiedenen Ebenen.
Das Verborgene ist zunächst der Maskenträger, vor allem dessen Gesicht. Doch phänomenologisch reicht die Struktur weiter. Mit dem Gesicht verschwinden Identität, Individualität und Ausdruck. Die Maske entzieht denjenigen, der sie trägt, dem unmittelbaren Zugriff des Blicks.
Dabei entsteht ein eigentümliches Paradox: Das Verborgene wird durch seine Verbergung gegenwärtig. Gerade weil ich das Gesicht nicht sehe, denke ich an das Gesicht hinter der Maske. Das Unsichtbare ist also keineswegs abwesend. Es erhält vielmehr durch die sichtbare Maske eine besondere Form der Anwesenheit.
Die Maske produziert eine Präsenz des Abwesenden.
Damit berührt sie eine Grundstruktur des Bildes überhaupt. Auch das Bild lässt etwas erscheinen, das materiell nicht anwesend ist. Die Maske kehrt dieses Verhältnis jedoch teilweise um: Sie zeigt nicht nur Abwesendes, sondern macht etwas Anwesendes unsichtbar.
Die Maske präsentiert sich selbst: Sie ist als sichtbares Ding oder als bildliche Erscheinung unmittelbar da.
Gleichzeitig repräsentiert sie: einen Gott, einen Toten, einen Charakter, einen Mythos, einen psychischen Zustand, eine kulturelle Rolle oder auch nur die Möglichkeit eines verborgenen Anderen.
Das Kunstwerk wiederum präsentiert sich zunächst als materielles und sinnliches Gebilde – als Farbe, Leinwand, Holz, Gips, Bronze, Kunststoff, Collage oder Assemblage. Zugleich repräsentiert es eine Maske.
Damit verschränken sich mehrere Ebenen:
Werk → Maske → verborgenes oder imaginiertes Gesicht → Rolle, Figur, Mythos, Bedeutung.
Doch diese Bewegung lässt sich auch umkehren:
Bedeutung → Figur → Maske → Kunstwerk → gegenwärtige Wahrnehmung.
Innerhalb eines Kosmos der Zeichen erhält die Maske eine noch grundsätzlichere Bedeutung. Sie ist nicht einfach ein Zeichen unter anderen, sondern geradezu ein Zeichen für das Funktionieren von Zeichen.
Denn jedes Zeichen besitzt eine ähnliche Doppelstruktur: Es ist selbst wahrnehmbar und verweist zugleich über sich hinaus.
Ein Wort ist Klang oder Schriftzeichen und bedeutet zugleich etwas. Ein Bild besitzt Farbe und Form und verweist zugleich auf andere Bilder, Dinge und Vorstellungen. Ebenso ist die Maske sichtbare Oberfläche und Verweis.
Doch die Maske radikalisiert diese Struktur, weil sie das Verhältnis zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem selbst thematisiert.
Sie zeigt und verdeckt gleichzeitig.
Damit wird sie zu einem Meta-Zeichen.
Sie bedeutet nicht nur etwas; sie führt vor Augen, wie Bedeutung entsteht: durch Differenz, Stellvertretung, Abwesenheit, Projektion und kulturelle Erinnerung.