Manfred Ach: Kopflos?

 

 

Die Annahme, dass der Kopf der Sitz aller menschlichen Fähigkeiten ist, hat in der Geschichte der Menschheit zu vielfältigen Verehrungsformen geführt: von der uralten Exekutionsart des Hauptabschlagens bis zum Schädeltrunk, von den auf Pfählen gesteckten Häuptern bis zum Kopfgeld, von der Trophäe des Kopfjägers bis zum Passbild, von Klaus Störtebeker bis zu Joseph Haydn, vom Elektronengehirn bis zum Kopfballspezialisten, von den Schädelvermessungen der Anatomen und Phrenologen bis zu den physiognomischen Studien von Analytikern und Okkultisten, vom Kopfschmuck bis zur Gurkenmilchmaske, vom Superchip bis zum Fetzenschädel, vom Visagisten bis zum grimassierenden Pantomimen, vom Kopfporträt bis zur Messer-schmidtschen Verzerrung, von der Neuropathologie bis zum Elektroschock, von der Schönheitschirurgie bis zum Kopf-schuss, vom Schattenriss bis zur Quersymmetrie, von den Gehirnhemisphären bis zum Aspirin, – alles dreht sich um den Kopf.

 

Er ist unser bestes Stück, unser Identifizierungsmerkmal schlechthin, er ist die buchstäbliche „Haupt“-Sache. Er ist der Hauptsitz unserer Sinnesorgane, das macht ihn so sinnlich. Auch nach dem Tod vermag er sich noch zu behaupten: Schon die Ägypter haben den Kopf einer besonderen Bestattung für würdig erachtet. Trotz solcher Behandlung kommen Wiedergänger mit dem Kopf unter dem Arm daher. Der sprechende Totenkopf und das Motiv des geraubten Schädels spuken durch zahlreiche Märchen und Sagen. Der eingemauerte Schädel schließlich soll die Festigkeit und Sicherheit von Gebäuden gewährleisten. Und in Golgathas Hügel ruht Adams Kopf.

Will man den Kopf idealisieren, greift man zur Maske. Verleiht ihm eine dauerhafte Charakterisierung. Masken spielen eine große Rolle im frühen Jagdzauber und im alten Volksbrauchtum. Bei Tanz, Totenkult und Theater. Maskeraden sind üblich bei Geheimbünden und in sexualpathologischen Zirkeln. Zirkusmasken und Fastnachtslarven begleiten unsere Kindheit, die vom Gesicht gerissene Maske und das Vermummungsverbot betreffen die späteren Jahre, und die Totenmaske lässt hoffentlich noch auf sich warten. 

 

Masken sind ein konstitutives Element der europäischen mittelalterlichen Bauplastik. Wir finden sie auf Gesimsen und Kapitellen, auf Statuensockeln, Konsolen und Wandmedaillons. Masken gehören zum symbolischen Gesamtprogramm von Kathedralen: von der Giebelverzierung bis zu den grotesken Miserikordien der Chorgestühle, von den Ziergriffen auf Sarkophagen bis zu den Türziehern der Portale. 

Dekorative Gesichter leuchten aus ornamentalem Blattwerk, blicken uns von Zeughäusern und Triumphbögen entgegen. Von gotischen Türmen und barocken Brunnen grimassieren Wasserspeier, und auf den Visierhelmen der Renaissance sind Gesichter. Bis zur Jahrhundertwende, und vor allem und verstärkt im Historismus, treten Darstellungen von Gesichtern, Köpfen, Masken und Fratzen im Dekor überall auf, sei es in der Architektur oder an einfachen Gebrauchsgegenständen. In der Moderne, dem Zeitalter der zweckgebundenen Versachlichung, verschwinden sie mit dem übrigen überflüssigen Dekor.

 

Verschwinden sie wirklich? Ist unsere Kunst kopflos geworden? Hat sie das Gesicht verloren? Kündigt sie – wie das kopflose Gespenst in der Ethnologie – den bevorstehenden Tod an?  Die dämonenabwehrenden Fratzen und Masken sind von den Fassaden der modernen Architektur verschwunden. Heißt das, dass sie mit dem Dämonenglauben entschwunden sind, oder ist die gesichtslose Architektur dämonisch?

Da stecken wir natürlich die Köpfe zusammen und erzählen uns die alten Geschichten, von denen uns aber nur das Fragment der Stillen Post im Kopf bleibt, ein Bruchstück der Schädelfrakturrede, unsere Schädellektion.

 

 

 

Manfred Ach, geboren 1946 im Isartal, lebt abwechselnd in Bayern und in Wien. Ist Schriftsteller seit 1964. Zahlreiche Veröffentlichungen. Schwerpunkte: Lyrik, (Kurz-) Prosa, Aphorismen. Einige Sachbücher. Mitglied der GAV in Wien und der GZL in Leipzig.

Näheres unter; http://www.m-ach.de

 

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