Kreuzigung 01, 2026, Acryl/Collage, 100 x 70 cm
Der gekreuzigte Christus steht im Zentrum des Bildes, doch seine traditionelle Erscheinung ist einer radikalen Verwandlung unterworfen. Der anatomisch präzise dargestellte Körper, die ausgestreckten Arme, das gesenkte Haupt und das Lendentuch verweisen auf die jahrhundertealte Ikonographie der Passion. Über diese vertraute Bildwelt legt sich jedoch eine zweite, expressive Wirklichkeit: ein Gewirr aus grellen Farbstreifen, gestischen Übermalungen, organischen Formen und fragmentierten Zeichen. Die sakrale Szene wird nicht ausgelöscht, sondern in einen neuen, widersprüchlichen Bildzusammenhang versetzt.
Die Kreuzigung erscheint nicht mehr als geschlossenes religiöses Sinnbild. Sie wird zum Schauplatz eines Konflikts zwischen überlieferter Bedeutung und gegenwärtiger Bildproduktion, zwischen dem Pathos des Leidens und einer beinahe ekstatischen Entfesselung der Farben.
Der Körper Christi behauptet eine eigentümliche Präsenz. Seine plastisch modellierte Muskulatur, die gespannte Brust und die anatomisch hervortretenden Rippen erinnern an die Idealisierung des menschlichen Körpers. Selbst im äußersten Leiden bleibt dieser Körper von einer klassischen Schönheit, die das Göttliche im Menschlichen sichtbar machen soll.
Doch diese Schönheit wird gestört. Über den Oberkörper und insbesondere über die Partie des Kopfes legen sich violette, orangefarbene und dunkelrote Formen. Das Antlitz Christi, traditionell der wichtigste Ausdrucksträger von Schmerz, Hingabe und Erlösung, verschwindet beinahe vollständig hinter einer malerischen Bewegung.
Gerade diese Verdeckung ist entscheidend. Wo das christliche Andachtsbild das Gesicht Christi als Ort der Offenbarung begreift, verweigert die Übermalung den unmittelbaren Zugang zu dieser Offenbarung. Das Gesicht wird zur Maske, vielleicht sogar zu einer Maske ohne Gesicht. Was bleibt, ist nicht die psychologische Darstellung des Leidens, sondern die Spannung zwischen körperlicher Präsenz und dem Entzug seiner Bedeutung.
Die Übermalung wirkt dabei keineswegs ausschließlich destruktiv. Die geschwungenen violetten Formen erinnern an Blütenblätter, Flügel oder organische Wucherungen. Sie scheinen den Körper zu umspielen. Die Passion verwandelt sich in eine eigentümliche naturhafte Metamorphose.
Besonders auffällig sind die leuchtend orangefarbenen Strichbündel, die sich über nahezu die gesamte Bildfläche verteilen. Sie folgen keiner einheitlichen Ordnung. Manche erscheinen wie kurze, rhythmisch gesetzte Schraffuren, andere wie flüchtige Spuren einer heftigen Bewegung.
Diese Zeichen besitzen keine eindeutige ikonographische Bedeutung. Sie könnten an Flammen, Wunden, Blüten, Federn oder digitale Bildstörungen erinnern, ohne sich auf eine dieser Lesarten festlegen zu lassen. Ihre Wirkung entsteht gerade aus dieser Unbestimmtheit.
Das Orange tritt in einen intensiven Kontrast zu den tiefblauen Flächen, den dunklen Brauntönen und dem hellen Inkarnat Christi. Während der Körper in einer illusionistischen Bildtradition verankert bleibt, behaupten die Übermalungen ihre Eigenständigkeit als Farbe und Geste.
Hier treffen zwei grundsätzlich unterschiedliche Bildordnungen aufeinander: die mimetische Darstellung einer religiösen Szene und eine Malerei, die sich von jeder Verpflichtung zur Gegenständlichkeit befreit hat.
Doch keine der beiden Ordnungen setzt sich vollständig durch. Das Gegenständliche bleibt sichtbar, während die abstrakten Zeichen immer wieder figurative Assoziationen hervorrufen. Das Bild bewegt sich zwischen Darstellung und Auflösung, zwischen Erkennbarkeit und Verwandlung.
Die Kreuzigung gehört zu den wirkungsmächtigsten Bildern der abendländischen Kultur. Über Jahrhunderte war sie Darstellung eines heilsgeschichtlichen Ereignisses und erfährt höchste religiöse Verehrung. Im Bild des leidenden Christus sollte eine Verheißung von Erlösung und Heil gegenwärtig werden.
Was geschieht, wenn das Bild aus seinem sakralen Zusammenhang herausgelöst und zum Sujet einer zeitgenössischen Collage wird?
Die Übermalung lässt sich zunächst als Akt der Profanierung verstehen. Das ehrwürdige Christusbild wird fragmentiert, überlagert und mit Zeichen konfrontiert, die keiner religiösen Ordnung mehr angehören.
Doch die Profanierung bedeutet nicht notwendig die Destruktion des Heiligen. Gerade die malerische Intervention könnte eine neue Erfahrung des Heiligen ermöglichen.
Das Heilige erscheint nicht mehr als feststehende Bedeutung, sondern als etwas, das sich im Wechselspiel von Sichtbarkeit und Entzug ereignet. Der Körper Christi ist sichtbar, sein Gesicht weitgehend verborgen. Die traditionelle Ikonographie bleibt erkennbar, ihre religiöse Gewissheit jedoch wird suspendiert.
In diesem Sinne ließe sich an Jean-Luc Nancys Überlegung anschließen, dass das Bild nicht einfach einen heiligen Gegenstand repräsentiert, sondern durch seine besondere Weise des Zeigens selbst eine Distanz eröffnet. Das Heilige wäre dann nicht eine hinter dem Bild verborgene Substanz, sondern jene Unverfügbarkeit, die sich gerade im Erscheinen des Bildes bemerkbar macht.
Die Übermalung macht diese Distanz sinnlich erfahrbar. Sie unterbricht den vertrauten Blick auf Christus und zwingt dazu, das Bild neu zu sehen.
Eine weitere Spannung lässt sich mit Nietzsches Unterscheidung zwischen dem Apollinischen und dem Dionysischen beschreiben.
Der idealisierte Körper Christi gehört einer apollinischen Bildordnung an. Seine plastische Schönheit, seine anatomische Klarheit und die kompositorische Zentrierung verleihen dem Leiden eine sichtbare Gestalt. Selbst die Passion wird in eine Form gebracht, die das Chaos des Schmerzes ästhetisch beherrschbar macht.
Die Übermalung dagegen entfaltet eine dionysische Dynamik. Ihre Farben brechen hervor, ihre Bewegungen überschreiten die Grenzen der Figuren, ihre Zeichen scheinen sich zu vermehren und gegenseitig zu durchdringen.
Das Dionysische zerstört jedoch nicht einfach das Apollinische. Beide bleiben aufeinander angewiesen. Ohne den gekreuzigten Körper wären die Farbbewegungen ein abstraktes Spiel; ohne die Übermalung bliebe die Kreuzigung innerhalb ihrer überlieferten Bildsprache.
Gerade ihre Konfrontation erzeugt eine neue ästhetische Wirklichkeit.
Dabei entsteht ein bemerkenswertes Paradox: Die christliche Passion, die traditionell Leiden, Opfer und Erlösung miteinander verbindet, begegnet einer dionysischen Bildwelt des Überschusses, der Verwandlung und der ungebändigten Lebenskräfte. Die Kreuzigung wird zum Schauplatz einer Spannung zwischen Verneinung und Bejahung, zwischen Tod und schöpferischem Werden.
Die ursprüngliche Darstellung verschwindet nicht hinter der Übermalung. Sie bleibt als historische Bildschicht gegenwärtig, während die neuen Zeichen ihre Bedeutung verschieben. Vergangenheit und Gegenwart stehen nicht nacheinander, sondern erscheinen gleichzeitig.
Die Landschaft im Hintergrund öffnet weiterhin einen illusionistischen Raum. Der Körper Christi gehört diesem Raum an, während die Übermalungen sich über ihn hinwegsetzen und die Bildfläche als eigenständige Wirklichkeit behaupten. Tiefenraum und Oberfläche geraten in ein spannungsvolles Verhältnis.
Damit wird die Collage zu einem Palimpsest der Bildgeschichte. Die christliche Ikonographie, das klassische Körperideal, die expressive Moderne und eine zeitgenössische Ästhetik heterogener Zeichen treffen aufeinander und es entsteht so eine neue spannungsvolle Einheit des Bildes.
Das Bild besitzt keinen privilegierten Ausgangspunkt mehr. Es lässt sich weder auf die religiöse Vorlage noch auf die malerischen Interventionen reduzieren. Seine Bedeutung entsteht in den Beziehungen, Überlagerungen und Brüchen zwischen den verschiedenen Bildschichten.
In „Kreuzigung 01“ wird nicht nur Christus einer Verwandlung unterworfen. Auch das überlieferte Bild selbst durchläuft eine Passion.
Es wird verdeckt, fragmentiert, gestört und seiner ursprünglichen Gewissheiten beraubt. Doch gerade in diesem Prozess gewinnt es eine neue Gegenwart. Die Übermalung ist zugleich Verletzung und schöpferischer Eingriff, Zerstörung einer geschlossenen Bildordnung und Freisetzung neuer Möglichkeiten.
Das christliche Erlösungsversprechen wird dabei dekonstruiert.
Das Heilige verschwindet nicht mit dem Verlust seiner religiösen Gewissheit. Es erscheint vielmehr als Frage, als Leerstelle, als unabschließbare Möglichkeit des Bildes.
Die Kreuzigung wird so zu einer Metapher für das Schicksal der Bilder in der Gegenwart. Sie überleben ihre ursprünglichen Bedeutungen, indem sie sich verwandeln. Was einst Offenbarung einer transzendenten Wahrheit sein sollte, wird zum Ereignis einer immer neuen Sichtbarkeit.