Transfiguration des Mülls
2026, Acryl/Collage, 100 x 70 cm
Diese Collage hat auch eine gewisse Kulturkritik zum Thema, nicht nur die etwas plakative aber nichtsdestotrotz massive Entsorgungs- und Verschmutzungsproblematik der gigantischen Müllproduktion, sondern auch eine durchaus virulente Kulturkritik, die vereinzelt sogar apokalyptische Ausmaße annimmt. Bezeichnend ist dafür die Figur links unten, die der "Verklärung" Raffaels entnommen ist und die in Raffaels Bild den vom göttlichen Licht geblendeten Apostel Jakobus zeigt. Verweist Raffael damit auf die Wucht des göttlichen Wunders, ist in meiner Collage stattdessen eine überdimensionierte Müllmenge zu sehen.
Vom göttlichen Wunder zur Wucht des Mülls
Die Collage übernimmt diese raffaelsche Pathosformel, verändert aber radikal das, worauf sie sich bezieht: Über Jakobus erscheint nicht mehr der verklärte Christus im überirdischen Licht. Stattdessen eine überdimensionierte Masse realen Mülls: Plastikverpackungen, Papier, Folien, Tüten, Essensreste, Weggeworfenes!
Damit vollzieht sich eine ebenso drastische wie ironische Umkehrung der Transfiguration. Was den Menschen überwältigt, ist nicht länger die Epiphanie des Göttlichen, sondern die materielle Überproduktion seiner eigenen Zivilisation. Das Wunder ist zum Müllberg geworden – und auch dieser hat etwas Unfassbares, beinahe Erhabenes angenommen.
Damit wird das Überwältigende des Erhabenen von der Transzendenz der göttlichen Lichtfülle zur modernen Transparenz des Mülls.
Links oben sehen wir in meiner Collage und in der Zeichnung "Masken und Müll" eine der ältesten bekannten Masken, die aus Vorderasien stammt, entstanden um 7000 v. Chr.. Am unteren Bildrand antworten darauf die drei etwas traurigen Cartoonfiguren, die auf Südseemasken zurückgehen.
Sie könnten als Überlebende einer Kulturgeschichte aufgefasst werden, in der die einst magische, rituelle, mythische Kraft der Maske in die globale Populärkultur eingewandert ist.
Diese pop-kulturelle Aneignung führt zu einer profanen Beinahe-Apokalypse. Der Begriff ist dabei durchaus in seinem ursprünglichen Sinn der apokalypsis, der Enthüllung, zu verstehen: Enthüllt wird nicht das kommende Reich Gottes, sondern das Resultat menschlicher Produktion. Der Mensch begegnet sich im Müll seiner eigenen Zivilisation.
Und dennoch: Zwischen Müll, Masken und Mythen überleben die Zeichen. Die neolithische Maske hat Jahrtausende überstanden, Raffaels Pathosformel kann aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herausgelöst und neu aktiviert werden, Südseemasken kehren als melancholische Cartoons wieder.
Kultur erweist sich somit als unaufhörlicher Prozess von Überlieferung, Verlust, Entstellung und Neuerfindung.