Obliteration

 

In seinem späten Interview "Von der Obliteration" (1988) formuliert Emmanuel Levinas eine ästhetische Forderung, die sich weniger als Kunsttheorie im engeren Sinne denn als ethisch motivierte Kritik des Schönen verstehen lässt. Levinas spricht dort von einer Obliterations-Kunst und charakterisiert sie in einer Passage, die für das Verständnis seiner Position zentral ist:

 

„Die Obliterations-Kunst, ja; das wäre eine Kunst, die die Leichtfertigkeiten oder die unbeschwerte Sorglosigkeit des Schönen anprangert und an die Abnutzungen des Seins erinnert, an die ›Ausbesserungen‹, von denen es bedeckt ist, und an die sichtbaren oder verborgenen Streichungen, in seinem Beharren zu sein, zu scheinen und sich zu zeigen.“ (1)

 

Diese Worte markieren eine deutliche Verschiebung gegenüber traditionellen ästhetischen Kategorien. Levinas fordert hier keine Kunst des Rückzugs, keine Askese des Autors im Sinne moderner Subjektkritik, sondern eine Kunst, die das Sein selbst nicht mehr ungebrochen erscheinen lässt. Obliteration bezeichnet demnach keinen Akt des Schweigens, sondern einen Eingriff in die Sichtbarkeit: eine Kunst, die das Glatte, das Selbstverständliche, das scheinbar Natürliche des Schönen beschädigt, um die Spuren von Abnutzung, Reparatur und Streichung sichtbar zu machen.

 

Die „Leichtfertigkeit des Schönen“: Levinas’ ästhetische Kritik

 

Wenn Levinas von der „Leichtfertigkeit“ oder „Sorglosigkeit“ des Schönen spricht, dann richtet sich seine Kritik gegen eine Ästhetik, die Schönheit als Harmonie, Präsenz und ungebrochene Erscheinung versteht. In einer solchen Ästhetik erscheint das Sein als selbstverständlich, stabil, gerechtfertigt. Gerade darin aber liegt für Levinas ein ethisches Problem:

Das Schöne, so verstanden, verdeckt die Mühsal, die Gewalt, die Verletzungen und die geschichtlichen Spuren, durch die das Sein überhaupt erst „besteht“. Schönheit wird zur ästhetischen Komplizenschaft mit dem Sein, insofern sie dessen Beharren bestätigt, anstatt es zu befragen.

Allerdings ist "Schönheit nichts als ein Versprechen des Glücks", wie schon Stendhal wusste.

Die Obliteration ist daher keine Zerstörung des Schönen, sondern eine Korrektur seiner "Unschuld". Kunst soll an die „Abnutzungen des Seins“ erinnern, an die Stellen, an denen Sein nicht glatt, nicht selbstidentisch, nicht unschuldig ist.

 

Gärten der Erinnerung, 2024, Acryl/Print auf Dibond, 30 x 30 cm

 

Schönheit als Ereignis

 

Das plötzliche Aufblitzen der Schönheit ist ein Ereignis. Das Wort„Ereignis“ kommt von dem Wortstamm „Auge“ und bedeutet ur- sprünglich „Eräugen“. Nichts könnte besser die Aura, die Plötzlichkeit und die Erscheinung der Schönheit bezeichnen.

Das Schöne bedeutet seit Platon ein Ideal – oder besser die hart- näckige Suche nach einem Ideal. Eben nicht die Suche nach einem schönen Ding, einer schönen Sache oder einem schönen Körper – sondern die Suche nach dem, was alles vereinzelte Schöne schön macht, also nach einem rein abstrakten Schönen, das allen schönen Erscheinungen gemeinsame Bedingung und Teilhabe ist. Platon, dem wir zwar die ersten systematischen Untersuchungen über das Schöne (in Dialogform) verdanken, war nicht der erste, der nach einer höheren Wirklichkeit des Schönen suchte.

 

Schon bei Homer, der in der Odyssee häufig das Wort „schön“ (kalos) benutzt, „ist schön nicht ästhetisch-unverbindlich, sondern eine höhere Stufe eines göttlichen, vollendeten Seins und jedes Nicht-Schöne ist mangelhaftes Sein“. Damit umfasst bei den frühen Griechen das Schöne die gesamte Lebenswelt und die Kosmologie. Der Kosmos war eine grundsätzlich ideal-schöne Ordnung und der Mensch selbst verstand sich in seinem eigentlichen Sein als ein Ebenbild dieses Kosmos, der seinerseits als ein Lebewesen vorgestellt wurde.

 

Unser Begriff der Kosmetik erinnert noch an diese Entsprechung von Mikro- und Makrokosmos, die sich erst mit dem Aufkommen des physikalischen, kopernikanischen Weltbildes aus dem wissenschaftlichen Diskurs verflüchtigte. Diese antike „kosmetische“ Kosmologie ist noch für Dante die Charakterisierung des Paradieses, das Beatrice, seine himmlische Geliebte, ihm folgendermaßen vorstellt:

 

"Die Dinge allesamt stehen untereinander in einer Ordnung, und diese ist die Form, die das Universum gottähnlich macht [...]. In der Ordnung, von der ich spreche, sind alle Geschöpfe so, wie es ihnen zuteil wurde, stärker oder schwächer auf ihren Ursprung hin gerichtet, sind ihm mehr oder weniger nahe; weshalb sie sich auch auf dem großen Meer des Seins zu verschiedenen Häfen hin bewegen."

 

Pop-Universe, 2007, High Definition Print, 60 x 80 cm

 

Differenz zwischen Levinas' und Adornos Fragment-Begriff

 

Der Vergleich zwischen Emmanuel Levinas und Theodor W. Adorno liegt nahe: Beide wenden sich gegen Totalität, gegen geschlossene Sinnsysteme, gegen eine Kunst, die Versöhnung vorspiegelt. Und doch markieren ihre jeweiligen Begriffe des Fragments zwei grundverschiedene ethisch-ästhetische Horizonte. Gerade an dieser Differenz lässt sich die Eigenart von Levinas’ Obliteration schärfen.

 

Adorno: Negativität gegen das falsche Ganze

 

Für Adorno ist das Fragment wesentlich in eine negative Dialektik eingebunden. Das Fragment verweigert die Synthese, weil das Ganze falsch ist. In der berühmten Formel aus den Minima Moralia gilt: „Das Ganze ist das Unwahre.“

Das Fragment fungiert hier als ästhetischer Widerstand gegen gesellschaftliche Totalität. Seine Unvollständigkeit ist Protest, sein Abbruch eine Kritik an Versöhnung. Doch entscheidend ist:
Adornos Fragment bleibt im Horizont der Wahrheit.

Es ist beschädigt, weil die Welt beschädigt ist. Es trägt den Anspruch, gerade in seiner Negativität mehr Wahrheit zu enthalten als das glatte Kunstwerk. Fragmentarität ist bei Adorno somit eine epistemologische Strategie: Sie soll Erkenntnis ermöglichen, indem sie falsche Totalität sabotiert.

 

Levinas’ Obliteration: Kritik der Ontologie, nicht der Totalität allein

 

Levinas’ Begriff der Obliteration operiert auf einer anderen Ebene. Ihn interessiert nicht primär die Falschheit des Ganzen, sondern die Gewalt des Seins selbst, sein Beharren, sein Sich-Zeigen, sein Anspruch auf Selbstverständlichkeit.

Wenn Levinas von den „Abnutzungen des Seins“, von „Ausbesserungen“ und „Streichungen“ spricht, dann geht es nicht um gesellschaftliche Ideologie, sondern um eine ontologische Grundkritik:
Das Sein erscheint nicht unschuldig. Es ist abgenutzt, überformt, von Spuren der Gewalt durchzogen.

Entscheidend ist:
Levinas zielt nicht auf Wahrheit durch Negativität, sondern auf ethische Wachsamkeit gegenüber der Präsenz.

Die Obliteration ist keine dialektische Negation. Sie hebt nichts auf, sie überführt nichts in einen höheren Sinn. Sie unterbricht, ohne zu versöhnen.

 

Zwei Modelle der Beschädigung

 

Hier zeigt sich eine entscheidende Differenz:

  • Bei Adorno zeigt das Fragment Beschädigung als Symptom:
    Das Werk ist fragmentarisch, weil die Welt fragmentiert ist. Die Form trägt die Wunde der Geschichte.

  • Bei Levinas ist die Beschädigung nicht Symptom, sondern Aufgabe:
    Kunst soll die Ausbesserungen zeigen, die das Sein verdeckt.

Ein zentraler Unterschied liegt darin, dass Levinas keine negative Dialektik kennt.
Die Obliteration führt nicht zu einer höheren Wahrheit, nicht zu einer „richtigen“ Erkenntnis des Ganzen. Sie bleibt asymmetrisch, unabschließbar, ethisch exponiert.

 

Damit verschiebt sich auch die Funktion der Kunst:

  • Bei Adorno: Kritik durch Form → Wahrheit im Negativen

  • Bei Levinas: Unterbrechung der Form → Verantwortung ohne Synthese

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Levinas: Fragment ohne Erlösung

 

Schließlich bleibt bei Adorno – trotz aller Verweigerung – ein utopischer Rest: Das Fragment deutet an, dass es anders sein könnte. Es enthält, im Bruch, die Hoffnung auf Versöhnung.

Levinas hingegen entzieht sich dieser Logik. Seine Obliteration enthält keine Utopie. Sie ist keine Andeutung des Besseren, sondern eine ständige Beunruhigung des Gegebenen.

Die Kunst der Obliteration tröstet nicht. Sie verspricht nichts. Sie hält das Sein offen in seiner Fragwürdigkeit.

 

Man kann die Differenz pointiert so fassen:

  • Adornos Fragment ist kritisch, negativ, wahrheitsorientiert.

  • Levinas’ Obliteration ist ethisch, unterbrechend, nicht-synthetisch.

Das Fragment bei Adorno kämpft gegen das falsche Ganze.
Die Obliteration bei Levinas misstraut bereits der Idee eines Ganzen.

Oder noch schärfer:

Adornos Fragment leidet an der beschädigten Welt.
Levinas’ Obliteration macht sichtbar, dass Welt nie unbeschädigt war.

 

(1) Die Obliteration, Berlin 2019

 

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