Die drei Collagen greifen eines der am stärksten überlieferten Bildmotive des Christentums und der früheren Kunstgeschichte auf: die Kreuzigung. Klassische Darstellungen des gekreuzigten Körpers werden zerschnitten, verschoben und mit fremden Bildwelten konfrontiert — Landschaften, florale Formen, grelle Farbfelder und gestische Spuren. Aus dieser Spannung entsteht ein visuelles Gefüge aus Fragmenten.
Die Kreuzigung erscheint hier nicht nur als religiöses Motiv, sondern als kulturelles Gedächtnisbild. Der vertraute Körper am Kreuz wird zum Träger vieler Schichten: historische Ikonografie, persönliche Bildfragmente, Naturmotive, Zeichen des Eingriffs. Mal überdecken florale Formen das Gesicht, mal brechen expressive Farbstreifen in die Szene ein, mal öffnen sich Landschaften hinter dem Körper wie entfernte Erinnerungsräume.
Christus und Dionysos, 2020, Acryl/Collage, 70 x 100 cm
Im Kult des Dionysos ist Wein mehr als ein Getränk: Er ist Medium der Ekstase. Durch ihn überschreitet der Mensch die Grenzen des gewöhnlichen Bewusstseins. Die dionysischen Feste zielten darauf, das Individuum in eine gemeinschaftliche Erfahrung von Rausch, Auflösung und kosmischer Einheit zu führen. In diesen Festen verschwindet das isolierte Selbst; der Mensch fühlt sich Teil eines größeren Lebensstroms.
Ein verwandtes Motiv findet man auch im christlichen Ritual. Im Sakrament der Eucharistie – dem Abendmahl, das auf Jesus Christ zurückgeführt wird – wird Wein nicht nur zum Symbol des Blutes Christi; er ist das Blut Christi.
Beide Traditionen verwenden also Wein als sakrales Medium der Transformation:
Im Dionysischen: Transformation durch Rausch und Auflösung der Individualität.
Im Christlichen: Transformation durch Opfer, Erinnerung und spirituelle Gemeinschaft.
In beiden Fällen wird der Wein zum Träger einer Überschreitung: Der Mensch verlässt für einen Moment die rein alltägliche Existenz und tritt in eine andere Wirklichkeit ein – sei es ekstatisch oder sakramental.
Nietzsche selbst betonte zwar den Gegensatz zwischen dem dionysischen Lebensrausch und der christlichen Moral, doch deutete er in den Unterschriften seiner letzten Briefe, nämlich "Dionysos" und "der Gekreuzigte" auch eine verborgene Gemeinsamkeit an.
Meine Collage kann deshalb nicht nur als Konfliktbild gelesen werden, sondern auch als Bild einer verborgenen Verwandtschaft. Hinter den unterschiedlichen kulturellen Formen – antiker Mythos hier, christliche Liturgie dort – erscheint ein gemeinsames Motiv: der Wein als Symbol einer sakralen Verbindung zwischen Mensch, Gemeinschaft und Transzendenz.