Phänomenologie der Maske

 

 

Die Maske gehört zu den eigentümlichsten Bildphänomenen überhaupt. Denn sie ist niemals nur das, was sie sichtbar zeigt. Ihre Sichtbarkeit entsteht gerade dadurch, dass sie etwas anderes der Sichtbarkeit entzieht. Eine Maske ist Oberfläche und Schwelle, Bild und Gegenstand, Präsenz und Verweis zugleich. Sie verbirgt, indem sie sich zeigt; und indem sie sich zeigt, repräsentiert sie etwas, das hinter ihr liegt oder von ihr überhaupt erst hervorgebracht wird.

Im Maskengemälde und in der Maskenskulptur verschärft sich diese Struktur noch einmal. Denn hier begegnen wir nicht einfach einer Maske, sondern einem Bild einer Maske oder einer Maske als Kunstwerk. Die Maske wird damit zum paradigmatischen Ort einer mehrfach gestaffelten Sichtbarkeit: Sie verbirgt einen möglichen Träger, präsentiert sich selbst als sichtbare Gestalt und wird zugleich durch Malerei oder Skulptur als Kunstwerk präsentiert.

 

Die Maske verbirgt

 

Die elementarste Funktion der Maske besteht im Verbergen. Was befindet sich dahinter?

Diese Frage unterscheidet die Maske von vielen anderen Dingen. Bei einem Stein oder einer Vase vermuten wir nicht notwendig eine verborgene zweite Erscheinung. Die Maske dagegen erzeugt strukturell ein Dahinter. Ihre Vorderseite setzt eine Rückseite voraus; ihre sichtbare Oberfläche verweist auf eine unsichtbare Instanz.

Das Verborgene ist zunächst der Maskenträger, vor allem dessen Gesicht. Doch phänomenologisch reicht die Struktur weiter. Mit dem Gesicht verschwinden Identität, Individualität und Ausdruck. Die Maske entzieht denjenigen, der sie trägt, dem unmittelbaren Zugriff des Blicks.

Dabei entsteht ein eigentümliches Paradox: Das Verborgene wird durch seine Verbergung gegenwärtig. Gerade weil ich das Gesicht nicht sehe, denke ich an das Gesicht hinter der Maske. Das Unsichtbare ist also keineswegs abwesend. Es erhält vielmehr durch die sichtbare Maske eine besondere Form der Anwesenheit.

Die Maske produziert eine Präsenz des Abwesenden.

Damit berührt sie eine Grundstruktur des Bildes überhaupt. Auch das Bild lässt etwas erscheinen, das materiell nicht anwesend ist.

 

Die Maske zeigt sich selbst

 

Doch die Maske erschöpft sich nicht darin, etwas zu verdecken. Sie besitzt eine eigene, oftmals außerordentlich intensive Sichtbarkeit.

Ihre Oberfläche kann ornamental, grotesk, schön, erschreckend, komisch, dämonisch oder vollkommen abstrakt gestaltet sein. Gerade historische Maskenkulturen zeigen, dass die Maske keineswegs bloß Ersatz für ein verborgenes Gesicht ist. Sie erzeugt eine neue Physiognomie.

Der Träger verschwindet hinter der Maske, aber an seiner Stelle erscheint nicht nichts. Es erscheint ein anderes Gesicht.

Damit vollzieht sich der Übergang vom Verbergen zur Transformation. Wer eine Dionysosmaske, eine Totenmaske, eine Theatermaske oder eine rituelle Maske trägt, verbirgt nicht lediglich seine empirische Identität. Er tritt in eine andere Erscheinungsordnung ein.

Die Maske ist deshalb weniger Negation des Gesichtes als dessen Metamorphose.

Aus dem Individuum kann ein Gott, ein Dämon, ein Toter, ein Tier, ein Ahne, ein Narr oder eine archetypische Figur werden. In der Maske wird Identität nicht einfach ausgelöscht, sondern suspendiert und neu erzeugt.

 

Die Maske wird als Kunstwerk präsentiert

 

Im Maskengemälde oder in der Maskenskulptur kommt eine dritte Ebene hinzu. Die dargestellte Maske zeigt sich nicht nur als Maske; sie zeigt sich zugleich als gemalte oder skulpturale Erscheinung.

Damit entsteht eine bemerkenswerte Staffelung:

  1. Die Maske verweist auf etwas, das sie verbirgt.
  2. Sie präsentiert sich selbst als sichtbare Gestalt.
  3. Das Kunstwerk präsentiert diese Maske wiederum als Bild beziehungsweise Skulptur.

Das Maskenbild ist daher ein Bild des Bildhaften.

Denn bereits die Maske selbst besitzt bildlichen Charakter. Sie ist eine künstlich erzeugte Physiognomie, eine Oberfläche, die für etwas anderes einsteht und zugleich eine eigene Präsenz entwickelt. Wird diese Maske gemalt, collagiert oder skulptural dargestellt, entsteht eine zweite Bildordnung.

 

Präsentation und Repräsentation

 

Gerade hier wird die Unterscheidung zwischen Präsentation und Repräsentation produktiv.

Die Maske präsentiert sich selbst: Sie ist als sichtbares Ding oder als bildliche Erscheinung unmittelbar da.

Gleichzeitig kann sie repräsentieren: einen Gott, einen Toten, einen Charakter, einen Mythos, einen psychischen Zustand, eine kulturelle Rolle oder auch nur die Möglichkeit eines verborgenen Anderen.

Das Maskenwerk besitzt deshalb keine einfache Tiefenstruktur, bei der man nur die äußere Schicht entfernen müsste, um zur „eigentlichen“ Wahrheit vorzudringen. Vielmehr existieren seine Ebenen gleichzeitig. Jede Schicht ist ebenso wirklich wie die andere.

 

Die Maske als Schwelle

 

Phänomenologisch ist die Maske daher weniger ein Gegenstand als eine Schwelle.

Sie befindet sich zwischen Innen und Außen, Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Selbst und Anderem, Körper und Bild, Person und Rolle.

Gerade ihre Materialität bildet die Grenze zwischen diesen Bereichen. Die Maske liegt auf dem Gesicht. Sie gehört nicht vollständig zum Körper und ist dennoch mit ihm verbunden. Sie ist weder bloßes Ding noch Gesicht. Sie besitzt eine eigentümliche Zwischenexistenz.

In diesem Sinne könnte man von einer Ontologie des Dazwischen sprechen.

Die Maske ist weder das Selbst noch einfach das Andere. Sie ist der Ort, an dem das Selbst als Anderes erscheinen kann.

Hier liegt auch ihre anthropologische Macht. Menschen besitzen ohnehin keine vollkommen unmittelbare Erscheinung. Kleidung, Gestik, Sprache, soziale Rollen, Bilder und kulturelle Codes vermitteln unsere Identität. Die Maske radikalisiert nur, was für menschliche Existenz ohnehin gilt:

Wir erscheinen immer in Formen.

Die Maske macht diese Vermittlung sichtbar.

 

Gesicht und Maske

 

Damit gerät allerdings der traditionelle Gegensatz von „wahrem Gesicht“ und „falscher Maske“ ins Wanken.

Die verbreitete Vorstellung lautet: Hinter der Maske befindet sich das authentische Selbst. Man müsse die Maske nur abnehmen, um zur Wahrheit der Person vorzudringen.

Doch was wäre dieses vollkommen unmaskierte Gesicht?

Auch das Gesicht ist Ausdruck, Inszenierung und kulturell gelesene Oberfläche. Wir lächeln, erstarren, posieren, kontrollieren unsere Mimik und reagieren auf den Blick des Anderen. Das vermeintlich natürliche Gesicht ist bereits Teil einer sozialen Zeichenordnung.

So entsteht ein beunruhigender Gedanke:

Vielleicht liegt hinter der Maske nicht das wahre Gesicht, sondern eine weitere Maske.

 

Die leere Maske

 

Besonders deutlich wird dies bei einer Maske ohne Träger.

Eine leere Maske besitzt Augenöffnungen, aber keine Augen; einen Mund, aber keine Stimme; eine Physiognomie, aber kein lebendes Gesicht.

Gerade dadurch entwickelt sie eine paradoxe Präsenz.

Die Abwesenheit des Trägers wird sichtbar.

Eine Maskenskulptur kann diesen Effekt noch steigern. Sie steht als körperliches Objekt im Raum, besitzt Volumen und Materialität und verweist dennoch auf einen Körper, der fehlt. Sie wird zu einer Art Körper der Abwesenheit.

Das erklärt möglicherweise auch das latent Unheimliche vieler Masken. Sie befinden sich an der Grenze zwischen belebt und unbelebt. Sie sehen aus, als könnten sie sehen, ohne tatsächlich zu sehen. Sie besitzen Ausdruck, ohne selbst etwas zu empfinden.

Die Maske ist ein Gesicht, das niemandem gehören muss.

 

Der Blick der Maske

 

Damit verändert sich auch die Struktur des Betrachtens.

Normalerweise glauben wir, dass wir das Kunstwerk ansehen. Bei Masken entsteht jedoch häufig der gegenteilige Eindruck: Die Maske sieht uns an.

Besonders frontal dargestellte Masken entwickeln diese eigentümliche Gegenblicklichkeit. Ihre leeren oder stilisierten Augen werden zu Projektionsflächen. Der Betrachter stattet sie imaginär mit einem Blick aus.

So entsteht ein Wechselspiel:

Ich sehe die Maske – und erfahre mich als von ihr gesehen.

Der Betrachter wird dadurch selbst Teil des Maskenereignisses. Er steht nicht souverän vor einem passiven Gegenstand. Sein eigener Blick wird auf ihn zurückgeworfen.

Die Maske ist somit nicht nur Objekt der Wahrnehmung, sondern ein Dispositiv des Blicks.

 

Maske als Zeichen und Zeichen des Zeichens

 

Innerhalb eines Kosmos der Zeichen erhält die Maske eine noch grundsätzlichere Bedeutung. Sie ist nicht einfach ein Zeichen unter anderen, sondern geradezu ein Zeichen für das Funktionieren von Zeichen.

Denn jedes Zeichen besitzt eine ähnliche Doppelstruktur: Es ist selbst wahrnehmbar und verweist zugleich über sich hinaus.

Ein Wort ist Klang oder Schriftzeichen und bedeutet zugleich etwas. Ein Bild besitzt Farbe und Form und verweist zugleich auf andere Bilder, Dinge und Vorstellungen. Ebenso ist die Maske sichtbare Oberfläche und Verweis.

Doch die Maske radikalisiert diese Struktur, weil sie das Verhältnis zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem selbst thematisiert.

Sie zeigt und verdeckt gleichzeitig.

Damit wird sie zu einem Meta-Zeichen.

Sie bedeutet nicht nur etwas; sie führt vor Augen, wie Bedeutung entsteht: durch Differenz, Stellvertretung, Abwesenheit, Projektion und kulturelle Erinnerung.

 

Die Maske als Palimpsest

 

Das Maskenwerk lässt sich deshalb auch als Palimpsest verstehen.

Unter jeder sichtbaren Schicht scheint eine andere auf:

Körper unter Maske,
Gesicht unter Rolle,
Person unter Figur,
Mythos unter Bild,
Bild unter Übermalung,
kulturelle Erinnerung unter gegenwärtiger Wahrnehmung.

Aber keine dieser Schichten besitzt notwendig den Status eines endgültigen Originals.

Das ist entscheidend. Die phänomenologische Bewegung führt nicht von der Oberfläche zu einer verborgenen letzten Wahrheit. Sie führt vielmehr von einer Erscheinung zur nächsten.

Hinter jedem Zeichen erscheint ein weiteres Zeichen.

Gerade darin berührt sich die Phänomenologie der Maske mit einer Ästhetik des Fragments, der Collage und der Obliteration: Verdeckung vernichtet Bedeutung nicht, sondern erzeugt neue Bedeutung. Das teilweise Unsichtbare gewinnt durch seine Verbergung eine andere Präsenz.

 

Zwischen Kult, Theater und Kunst

 

Die enorme kulturgeschichtliche Persistenz der Maske erklärt sich aus dieser Struktur. Kultische Masken, Totenmasken, Dionysosmasken, Masken der Tragödie und Komödie, Karnevalsmasken, afrikanische oder ozeanische Maskenkulturen, Masken der Commedia dell’arte und moderne künstlerische Masken unterscheiden sich historisch fundamental. Dennoch teilen sie ein Prinzip der Transformation durch Sichtbarkeit.

 

 

Im Ritual kann die Maske das Erscheinen einer Gottheit ermöglichen. Im Theater verwandelt sie den Schauspieler in eine Figur. Im Karneval suspendiert sie gesellschaftliche Identitäten. In der modernen Kunst kann sie schließlich gerade diese gesamte Geschichte der Maskierung reflektieren.

Das zeitgenössische Maskenwerk trägt deshalb potentiell das kulturelle Gedächtnis früherer Masken in sich. Die Maske ist nicht nur eine Form, sondern ein historisch hochgradig aufgeladenes Zeichen.

 

Maske und Ereignis

 

Damit lässt sich noch ein weiterer Schritt vollziehen. Die Maske ist nicht nur Gegenstand oder Zeichen, sondern Ereignis.

Etwas geschieht, wenn eine Maske erscheint.

Ein Gesicht verschwindet.
Ein anderes erscheint.
Eine Identität wird suspendiert.
Eine Rolle entsteht.
Der Blick verändert sich.
Das Verhältnis von Anwesenheit und Abwesenheit wird instabil.

Die Maske ist daher weniger ein statisches Objekt als ein Transformationsvorgang.

Für das Maskengemälde oder die Maskenskulptur bedeutet dies: Das Werk bildet diesen Vorgang nicht lediglich ab. Im Akt seiner Betrachtung vollzieht er sich erneut. Auch der Betrachter schwankt zwischen dem Wahrnehmen einer materiellen Oberfläche, dem Erkennen einer Maske und der Imagination dessen, was diese Maske verbirgt oder verkörpert.

Das Werk erzeugt seine Bedeutung erst in diesem Oszillieren.

 

Die dreifache Maske

 

Damit lässt sich die eingangs formulierte Dreiteilung präzisieren.

Erstens: Die Maske verbirgt.
Sie entzieht Gesicht, Körper, Identität oder Ursprung der unmittelbaren Sichtbarkeit.

Zweitens: Die Maske zeigt.
Sie tritt selbst als intensive sichtbare Gestalt hervor und erzeugt eine neue Physiognomie.

Drittens: Das Kunstwerk zeigt die Maske als Maske.
Malerei oder Skulptur präsentieren eine Erscheinung, deren Wesen bereits im Verhältnis von Präsentation und Repräsentation besteht.

Gerade dadurch entsteht eine rekursive Struktur:

Das Kunstwerk präsentiert eine Maske, die sich präsentiert, indem sie etwas anderes repräsentiert und zugleich verbirgt.

Oder noch knapper:

Die Maske zeigt, dass sie verbirgt; das Kunstwerk zeigt, dass die Maske zeigt, indem sie verbirgt.

Darin liegt ihre philosophische Radikalität.

 

Die Maske als Paradigma des Bildes

 

Vielleicht lässt sich deshalb die Perspektive am Ende sogar umkehren. Nicht die Maske wäre ein Sonderfall des Bildes, sondern das Bild ließe sich von der Maske her verstehen.

Auch jedes Bild besitzt eine sichtbare Oberfläche. Auch jedes Bild präsentiert zunächst sich selbst als Ereignis. Gleichzeitig verweist es auf etwas, das nicht mit dieser Oberfläche identisch ist. Und schließlich verdeckt jede Darstellung notwendig andere mögliche Darstellungen.

Jedes Zeigen ist auch ein Nicht-Zeigen.

Jede Sichtbarkeit erzeugt Unsichtbarkeit.

Jede Repräsentation ist Auswahl, Ausschnitt und Verbergung.

In diesem Sinne wäre die Maske geradezu die Urszene des Bildes: eine sichtbare Oberfläche, die ihre Macht daraus gewinnt, dass sie zugleich etwas erscheinen und etwas verschwinden lässt.

 

 

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