Selbst-Erlösung

Archäologie der Zeichen 01

2025, Aquarell, 61 x 46 cm 

 

 

 

Diese Aquarellarbeiten entstand unter dem Eindruck des Ruinenfelds des antiken Olympia.

 

Verwandlung der Fragmente

 

Vor einem weiten Blau, das Himmel, Ferne und historische Zeit zugleich evoziert, schweben Formen, deren Herkunft nur geahnt werden kann. Manche erinnern an architektonische Überreste, andere an Steine, Werkstücke oder organische Gebilde. 

Links erhebt sich ein massiver Körper, der zugleich Torso, Felsblock und verwittertes Kultbild sein könnte. Ihm antwortet rechts eine ruhigere Form, deren Umriss an eine beschädigte Statue erinnert. Dazwischen lagern dunkle Fragmente wie Relikte einer versunkenen Ordnung.

Im unteren Bildbereich beginnt sich dieser Prozess fortzusetzen. Aus den steinähnlichen Formen wächst ein maskenhaftes Gesicht hervor. Das gelbliche Oval in der unteren Mitte erscheint wie ein archaischer gefallener Krieger, während die blaue Form daneben daneben eine beinahe comicartige Lebendigkeit besitzt.

Vergangenheit und Gegenwart als fließende Metamorphosen meiner Bildwelt!

 

 

Archäologie der Zeichen 02, 2025, Aquarell, 61 x 46 cm

 

 

Archäologie der Zeichen

 

So wird Olympia hier nicht zum historischen Motiv, sondern zu einer Denkfigur. Meine künstlerische "Ausgrabung" betrifft nicht die antiken Steine, sondern die kulturellen Zeichen, die in ihnen verborgen liegen. Jedes skulpturale Fragment wird zum Bild und damit zur Möglichkeit neuer Bedeutungen.

Die Arbeit zeigt, dass Ruinen nicht nur Zeugnisse einer vergangenen Kultur sind. Sie bilden den Ausgangspunkt neuer Imaginationen. Indem sich ihre ursprüngliche Funktion auflöst, gewinnen sie eine unerwartete Freiheit. Aus archäologischen Resten entstehen offene Bildzeichen, die sich immer wieder neu miteinander verbinden können.

 

Es macht sichtbar, dass Kulturen dort weiterleben, wo ihre Überreste nicht rekonstruiert, sondern in neue Bildzusammenhänge überführt werden. Damit wird die Ruine - wie schon seit langem - zum Ursprung einer zeitgenössischen Bildsprache – eines offenen Kosmos der Zeichen von Erinnerung und Imagination.

 

Archäologie der Zeichen 03, 2025, Aquarell, 61 x 46 cm

 

Sehnsucht nach Selbst-Transzendenz?

 

Gerade die Antike macht das Weiterleben der Bilder in einzigartiger Weise sichtbar. Unsere Kultur hat ihre Bilder, Mythen und Formensprachen in einem erheblichen Umfang bis in die Gegenwart hinein fortgeschrieben. Seit der Renaissance wurden ihre Skulpturen, Tempel, Säulenordnungen und Göttergestalten unzählige Male zitiert, kopiert, umgedeutet und neu erfunden. Architektur, Malerei, Literatur, Theater, Film und selbst die Populärkultur sind von diesem fortdauernden Bilderstrom durchdrungen. Das kulturelle Gedächtnis Europas erscheint in weiten Teilen als eine immer neue Archäologie der Zeichen.

Die antiken Ruinen sind längst nicht mehr bloß Gegenstand wissenschaftlicher Erforschung oder ästhetischer Bewunderung. Sie sind zu globalen Erinnerungsorten geworden, die Jahr für Jahr von immer mehr Touristen aufgesucht werden. Diese gewaltigen Ströme der Gegenwart ("Overtourism") sind fast modernen Pilgerfahrten vergleichbar - Ausdruck einer allgemeinen Sehnsucht nach Selbst-Transzendenz im Hier und Jetzt?

 

 

Archäologie der Zeichen 04, 2025, Aquarell, 61 x 46 cm

 

Millionen Menschen nehmen weite Reisen auf sich, um solche Orte aufzusuchen, deren ursprüngliche religiöse oder politische Funktion längst vergangen ist. Dennoch besitzen sie bis heute eine kaum verminderte Anziehungskraft. Sie sind zu den profanen Heiligtümern der Kultur geworden.

Diese Reisen folgen selten einer praktischen Notwendigkeit. Sie sind symbolische Handlungen. Wer durch Olympia geht, sucht nicht lediglich archäologische Informationen. Er sucht eine Erfahrung von Geschichte, von Dauer und Ursprünglichkeit. Zwischen den verstreuten Säulen, den zerbrochenen Kapitellen und den verwitterten Marmoren entsteht das Gefühl, einer Zeit zu begegnen, die das eigene Leben weit übersteigt. Der Weg zu diesen Orten wird so zu einer säkularen Form der Pilgerschaft.

 

Vielleicht offenbart sich darin eine der verborgenen religiösen Strukturen der Moderne. Wo die traditionellen Heilsversprechen ihre selbstverständliche Geltung verloren haben, übernimmt Kultur vielfach deren symbolische Funktion. Die Begegnung mit den großen Bildern, Bauwerken und Fragmenten der Vergangenheit verspricht keine Erlösung im theologischen Sinn. Wohl aber eröffnet sie die Möglichkeit einer symbolischen Selbstvergewisserung. Der Mensch sucht sich im kulturellen Gedächtnis wiederzufinden und seine eigene diskontinuierliche Endlichkeit in eine größere, vermeintlich kontinuierliche Geschichte einzuschreiben.

 

Vor diesem Hintergrund erhalten auch die Bilder  „Archäologie der Zeichen“ ihre eigentliche Bedeutung. Sie zeigen keine Rekonstruktion des antiken Olympia, sondern einen visuellen Tanz der Fragmente.

Warum können Fragmente eine Wirksamkeit entfalten? Ihre Kraft liegt gerade darin, dass sie unvollständig geblieben sind. Sie verlangen nach Imagination und laden die Gegenwart dazu ein, ihre eigene Geschichte in ihnen wiederzuerkennen.

Die eigentliche "Ausgrabung" vollzieht sich deshalb im kulturellen Bewusstsein. Sie legt nicht Steine frei, sondern Zeichen. Aus den Ruinen erwächst eine unabschließbare Kette neuer Bilder und Bedeutungen. Jeder Blick fügt ihr eine weitere Schicht hinzu.

Vielleicht besteht gerade darin die säkulare Selbsterlösung: nicht in der Flucht aus der Welt, sondern in der Erfahrung, Teil eines kulturellen Zusammenhangs zu sein, der die Endlichkeit des Einzelnen überdauert. Die antiken Fragmente werden so zu Orten einer symbolischen Transzendenz. Sie erinnern daran, dass Kultur mehr ist als Überlieferung. Sie ist das Medium, in dem Menschen (hoffentlich) sich selbst immer wieder neu erschaffen.

 

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