Jedes Bild spricht. Aber es spricht nicht in Sätzen, und seine Sprache lässt sich nicht ohne Weiteres in Begriffe übersetzen. Sie äußert sich in Formen, Farben, Zeichen und Figuren, in Überlagerungen, Brüchen und überraschenden Nachbarschaften. Ihre Grammatik ist nicht festgelegt, ihre Syntax folgt keiner eindeutigen Ordnung. Vieles scheint unmittelbar verständlich und entzieht sich doch, sobald man es begrifflich zu fassen versucht. Das Bild zeigt sich – und bleibt zugleich ein Rätsel.
Die Ekphrasen in diesem Buch sind der Versuch, diesem Rätsel sprachlich näherzukommen. Sie wollen die Bilder nicht einfach beschreiben, ihre Motive benennen oder ihre Bedeutung abschließend erklären. Sie versuchen vielmehr, eine geheime Sprache zu entziffern: jene innere Verknüpfung von Formen, Vorstellungen, Erinnerungen und Bedeutungen, die im Bild wirksam ist, ohne sich auf den ersten Blick vollständig preiszugeben.
Dazu bedarf es eines Mediums, das dem Bild zunächst fremd zu sein scheint: der diskursiven Sprache. Sie entfaltet, was das Bild gleichzeitig zeigt; sie unterscheidet, was im Bild ineinander übergeht; sie folgt gedanklichen Wegen, wo das Auge ein Ganzes erfasst. Sie zerlegt, um Zusammenhänge sichtbar zu machen, und sie verlangsamt die Wahrnehmung, um ihr neue Möglichkeiten zu eröffnen.
Doch die Sprache kann das Bild nicht ersetzen. Ihre Aufgabe ist gerade nicht, an die Stelle der sinnlichen Erfahrung zu treten. Sie soll einen Weg zu ihr bahnen. Was sich beim ersten Anblick spontan und ganzheitlich ereignet, kann durch das Nachdenken eine neue Tiefe gewinnen. Einzelheiten treten hervor, Beziehungen werden erkennbar, verborgene Bezüge beginnen sich abzuzeichnen. Und wenn der Blick zum Bild zurückkehrt, sieht er möglicherweise mehr als zuvor – nicht weil das Bild nun vollständig erklärt wäre, sondern weil sich seine Wahrnehmung verändert hat.
In diesem Sinne sind die Ekphrasen keine Schlüssel, die ein für alle Mal ein verschlossenes Bedeutungsgefüge öffnen. Sie sind eher Versuche, Spuren aufzunehmen und Verbindungen herzustellen. Jede Entzifferung bleibt vorläufig; jede sprachliche Annäherung lässt etwas unübersetzt. Das Bild bewahrt einen Überschuss, der sich dem Begriff entzieht und gerade darin seine Lebendigkeit behauptet.
Dabei berührt dieses Vorhaben eine Frage, die Hegel in seiner Ästhetik für die moderne Kunst aufgeworfen hat. Für ihn ist Kunst in der Moderne nicht mehr in derselben Weise wie in der klassischen Antike die selbstverständliche sinnliche Erscheinung einer geistigen Wahrheit. Sie wird zunehmend Gegenstand der Reflexion; sie fordert uns auf, über ihre Bedeutung und ihre Bedingungen nachzudenken. Die Kunst, so Hegels Diagnose, lädt zur denkenden Betrachtung ein.
Vielleicht lässt sich diese historische Spannung nicht aufheben. Vielleicht ist die Unmittelbarkeit, die in der antiken Kunst ihre besondere Gestalt gefunden hat, für uns nicht wiederzugewinnen. Aber lässt sich aus der Reflexion nicht etwas anderes gewinnen – eine Unmittelbarkeit, die nicht am Anfang steht, sondern durch das Denken hindurch neu erfahren wird?
Die vorliegenden Texte verstehen sich als ein Versuch in diese Richtung. Die Ekphrasen wollen das Denken nicht hinter sich lassen, sondern es so weit treiben, dass es den Blick wieder freigibt. Sie suchen nach einer Sprache, die nicht das letzte Wort über die Bilder spricht, sondern ihre sinnliche Gegenwart intensiviert. Ihr Ziel wäre erreicht, wenn die diskursive Bewegung des Textes schließlich in eine andere Art des Sehens mündete: in ein Wahrnehmen, das die Beziehungen und Bedeutungen des Bildes nicht mehr einzeln verfolgen muss, sondern sie in einer erweiterten Ganzheit gegenwärtig erfährt.
Zu den Texten bitte auf das jeweilige Bild klicken.