Masken der Moderne

 

Die Moderne scheint ein Zeitalter der Maskenlosigkeit zu sein. Ihre Architektur bevorzugt die glatte Fläche, das Raster, die Konstruktion, das sichtbare Material. Gesichter, Fratzen, Maskarons, Götter und Dämonen, die über Jahrtausende hinweg Gebäude bevölkerten, verschwinden weitgehend von den Fassaden. 

Doch gleichzeitig ereignet sich eine gegenläufige Bewegung. Fotografie, Film und Werbung beginnen diesen Prozess; die digitale Kultur treibt ihn ins Extrem. Profilbilder, Selfies, Emojis, Avatare, Memes.

Die Maske verschwindet also nicht. Sie wechselt den Ort.

 

Maskaron

 

Über lange historische Zeiträume war Architektur weit mehr als die Organisation von Konstruktion und Raum. Gebäude waren eingebunden in komplexe kulturelle Zeichensysteme. Antike Tempel konnten Gorgoneia, Götterfiguren, Köpfe und Reliefs tragen. Romanische Kirchen ließen Menschen, Tiere und Mischwesen auf Kapitellen und Portalen erscheinen. Gotische Kathedralen wurden von Heiligen, Engeln, Dämonen, Erlösten und Verdammten bevölkert. Renaissance und Barock entwickelten ein reiches Repertoire von Maskarons, Hermen, Putten, Allegorien und grotesken Köpfen.

 

Besonders deutlich wird dies am Maskaron. Ein Gesicht erscheint über einem Portal, an einem Fenster oder auf einem Schlussstein. Es gehört keinem bestimmten Individuum, und dennoch verwandelt es die Wahrnehmung des Gebäudes.

Solche Figuren verbanden das Gebäude mit religiösen Vorstellungen, Mythologien, historischen Erzählungen und gesellschaftlichen Ordnungen. Die Fassade war eine kulturelle Bedeutungsfläche. Sie erzählte, bezeichnete, warnte, repräsentierte.

 

Mit der architektonischen Moderne verändert sich dieses Verhältnis grundlegend. Dieser Vorgang lässt sich nicht auf eine bloße Abschaffung des Ornaments reduzieren. Was über Jahrhunderte selbstverständlich zur kulturellen Erscheinung eines Gebäudes gehört hatte, konnte nun als historischer Ballast, Verschwendung oder Verdeckung konstruktiver Klarheit erscheinen.

An die Stelle der figürlichen und narrativen Fassade treten andere ästhetische Kategorien: Material, Fläche, Funktion, Proportion, Konstruktion, Transparenz und Raum.

 

Diese Entwicklung sollte jedoch keineswegs als bloßer Verlust verstanden werden. Architektur musste nicht länger historische Stile, mythologische Programme und überlieferte Repräsentationsformen wiederholen. Sie konnte aus Raum, Material, Konstruktion, Funktion und den Bedingungen des modernen Lebens eine eigene Sprache entwickeln.

Die großen Leistungen der modernen Architektur liegen gerade in dieser Emanzipation: in der Klarheit ihrer Räume, der Schönheit elementarer Formen, der Sichtbarkeit von Konstruktion und Material und nicht zuletzt in einer neuen Vorstellung vom Wohnen und gesellschaftlichen Leben. Die Moderne hat die Welt nicht einfach entzaubert; sie hat neue Formen des Sehens, Bauens und Lebens hervorgebracht.

Meine Rede von der „maskenlosen Moderne“ ist deshalb keine antimoderne Kritik. Im Gegenteil: Mich interessiert eine Dialektik, die erst durch die ungeheure kulturelle Produktivität der Moderne möglich wurde. Gerade indem sie traditionelle Zeichenordnungen auflöste, setzte sie Zeichen frei und machte ihre fortwährende Neukombination möglich.

 

Neue Masken

 

Kulturelle Formen lösen sich jedoch selten spurlos auf. Sie verändern ihre Funktion, ihr Material und ihren Ort.

Die Maske beginnt zu wandern.

Während sie von den Fassaden verschwindet, wird die Darstellung des individuellen Subjekts immer wichtiger. Das moderne Individuum muss sich in unterschiedlichen sozialen Situationen zeigen, darstellen und wiedererkennbar machen. Identität erscheint zunehmend auch als etwas, das inszeniert wird.

Hier gewinnt der alte Begriff der Persona eine überraschende Aktualität.

Die lateinische persona bezeichnete zunächst die Rolle beziehungsweise Theatermaske und wurde später zum Begriff der Person. In dieser sprachlichen Geschichte steckt bereits ein Problem, das die Moderne radikalisiert: Wie eindeutig lassen sich Person und Maske überhaupt voneinander unterscheiden?

Wenn Menschen in verschiedenen sozialen Zusammenhängen unterschiedliche Seiten ihrer selbst zeigen, muss die Maske keineswegs nur als Verdeckung eines eigentlichen Selbst verstanden werden.

Vielleicht gehört das Maskenhafte vielmehr zur Entstehung von Identität selbst.

 

Nietzsche

 

Nietzsche misstraut der metaphysischen Erwartung, hinter den Erscheinungen müsse notwendig ein unveränderlicher Wesenskern liegen. Seine Philosophie bringt selbst immer neue Figuren und Masken hervor: Dionysos, Zarathustra, den freien Geist, den Wanderer, den Schatten und schließlich sogar den Gekreuzigten.

Die Maske ist hier nicht einfach das Falsche, hinter dem eine endgültige Wahrheit verborgen wäre.

Sie kann selbst Wahrheit hervorbringen.

Damit gerät eine alte Hierarchie ins Wanken: Oberfläche und Tiefe, Schein und Wesen, Maske und wahres Gesicht lassen sich nicht mehr ohne Weiteres gegeneinander ausspielen.

Hinter einer Maske könnte wiederum eine Maske erscheinen.

Das Subjekt wäre dann weniger eine feste Identität als ein bewegliches Gefüge von Perspektiven, Rollen, Interpretationen und Erscheinungsweisen. Gerade darin liegt eine verblüffende Aktualität Nietzsches für die digitale Gegenwart.

 

Künstliche Gesichter

 

Das Smartphone ist  auch eine gewaltige Maschine zur Herstellung von Masken.

Ein Profilbild zeigt nicht einfach, wie ein Mensch aussieht. Es zeigt, wie er gesehen werden möchte. Filter verändern Haut, Augen, Alter und Geschlecht. Emojis verwandeln Affekte in elementare Gesichtscodes. Avatare vertreten reale Menschen in virtuellen Räumen. Memes lösen Gesichter aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen und verwandeln sie in zirkulierende kulturelle Zeichen.

Gerade darin entsteht eine überraschende strukturelle Nähe zu sehr alten Formen der Maske. Auch eine archaische Maske musste nicht das Gesicht eines bestimmten Individuums abbilden. Sie konnte Gott, Dämon, Ahne, Tier oder ein imaginäres Wesen gegenwärtig machen.

 

Avatar

 

Zwischen dem steinernen Maskaron und dem digitalen Avatar liegen Jahrhunderte kultureller Entwicklung.

Beide sind künstliche Gesichter.

Der Maskaron befindet sich auf der Fassade, der Avatar auf dem Bildschirm. Der eine gehört zur materiellen Architektur des Gebäudes, der andere zur immateriellen Architektur digitaler Interfaces.

Und beide markieren Übergänge.

Der Maskaron erscheint häufig dort, wo sich Außen und Innen berühren: über Türen, Fenstern und Durchgängen. Auch der Avatar steht an einer Schwelle. Er vermittelt zwischen einer realen Person und ihrer digitalen Erscheinung.

Die Geschichte der Maske lässt sich deshalb weniger als kontinuierliche Entwicklung denn als Geschichte von Wanderungen und Transformationen eines Zeichens verstehen.

Vom Ritual gelangt die Maske ins Theater, vom Körper an die Architektur, von der Architektur ins Bild, vom Bild auf den Bildschirm, vom Gesicht zum Avatar.

 

Interface (Zwischengesicht)

 

Der Begriff des Interface führt diese Überlegung weiter.

Ein Interface ist eine Schnittstelle zwischen unterschiedlichen Systemen. Es vermittelt und ermöglicht Übergänge. Genau diese Funktion besaß die Maske seit jeher.

Sie steht zwischen Innen und Außen, Mensch und Gesellschaft, Individuum und Rolle, Sichtbarem und Unsichtbarem, Körper und Zeichen, Mensch und Gott.

Insofern könnte die Maske als  kulturelles Interface verstanden werden.

Die digitale Kultur erfindet diese Struktur nicht. Sie übersetzt sie in neue Technologien und vervielfältigt sie in ungekanntem Umfang.

Holz, Ton, Stein, Metall und Farbe werden durch Pixel, Datensätze und algorithmisch erzeugte Bilder ergänzt.

Aus der materiellen Maske wird eine digitale Oberfläche.

 

Maske, Cutie, Emoji

 

Von hier aus wird auch verständlich, weshalb in meinen Arbeiten Masken und Cuties miteinander verbunden werden können, obwohl sie zunächst wie Gegensätze erscheinen.

Die Maske macht ein Gesicht zum kulturellen Zeichen.

Beim Cutie geschieht etwas Verwandtes in umgekehrter Richtung. Pflanzen, Früchte, Dinge oder abstrakte Formen erhalten Augen und Mund und werden dadurch zu Gesichtern.

Maske, Cartoon, Emoji und Cutie gehören damit zu einer sehr viel umfassenderen Geschichte des menschlichen Gesichts als Zeichen.

Schon minimale Formen genügen: zwei Punkte und eine Linie – und wir erkennen ein Gesicht.

Das Emoji könnte man deshalb als eine elementare Maske der Gegenwart verstehen.

 

Das Wunderland der Masken

 

Meine neuen Maskenarbeiten greifen archaische, antike und außereuropäische Masken auf, aber nicht im Sinne einer nostalgischen Suche nach verlorenen Ursprüngen.

Die unterschiedlichen historischen und kulturellen Maskentraditionen dürfen dabei nicht miteinander gleichgesetzt werden. Sie besitzen verschiedene Funktionen, Geschichten und Kontexte.

Entscheidend ist vielmehr, diese Differenzen in neue Beziehungen zu bringen.

So kann eine etwa 9000 Jahre alte Maske aus Vorderasien einem Cartoon begegnen. Antike Theatermasken stehen neben Verpackungsresten der Konsumgesellschaft. Masken treten mit Cuties, Logos und anderen Zeichen der Gegenwart in Verbindung.

Es entsteht ein Raum-Zeit-Spiel der Zeichen.

Vergangenes bleibt darin nicht einfach Vergangenheit. Seine Bilder wandern durch die Zeiten. Sie werden gesammelt, fotografiert, musealisiert, reproduziert, digitalisiert, zitiert, übermalt und neu zusammengesetzt.

Auf der Bildfläche können Zeiten gleichzeitig werden, die historisch Jahrtausende voneinander entfernt sind.

 

Maske als kultureller Brennpunkt

 

Eine Rückkehr zu einer vermeintlich unverfälschten Maske ist deshalb unmöglich.

Wir können und wollen die Geschichte ihrer Bilder nicht rückgängig machen.

Eine afrikanische Maske steht heute nicht nur in Beziehung zu ihrem ursprünglichen kulturellen Zusammenhang. Sie befindet sich ebenso innerhalb ethnologischer und kunsthistorischer Diskurse, der Geschichte des Kolonialismus, der europäischen Moderne, der Museumsgeschichte und der globalen digitalen Reproduktion.

Picasso konnte afrikanische Masken nicht so sehen, wie wir sie heute sehen. Unser gegenwärtiger Blick trägt auch die Geschichte dieser Aneignungen bereits in sich.

Mit jedem neuen Kontext verändert sich das Zeichen.

Die Maske besitzt deshalb keine einzige Bedeutung, die unabhängig von ihrer Geschichte unverändert bliebe. Frühere Bedeutungen können jedoch als Schichten erhalten bleiben.

 

Während die moderne Architektur ihre anthropomorphen Fassadenelemente auslöschte, erzeugten Fotografie, Film und Werbung zugleich eine ungeheure neue Zirkulation menschlicher Gesichter. Die digitale Kultur hat diesen Vorgang noch einmal vervielfacht.

 

Raum-Zeit-Spiel

 

Damit führt das Thema der Maske unmittelbar zu einer umfassenderen Vorstellung meiner Arbeit.

Wenn Zeichen ihre Orte wechseln, durch Zeiten wandern, alte Bedeutungen mitführen und zugleich neue Verbindungen eingehen, lässt sich Kultur nicht als geordnetes Archiv feststehender Bedeutungen begreifen.

Sie gleicht vielmehr einem beweglichen Geflecht.

Hier verbindet sich die Maske mit meinem Wunderland der Zeichen und mit der Vorstellung eines Raum-Zeit-Spiels.

Eine Maske kann Ritualobjekt, Theaterrequisit, architektonischer Schmuck, Skulptur, Museumsobjekt, Souvenir, Cartoon, Emoji oder Avatar sein. Mit jedem Wechsel verändert sich ihre Bedeutung. Frühere Bedeutungen werden dabei nicht notwendig vollständig gelöscht.

Das Zeichen besitzt ein Gedächtnis.

Aber dieses Gedächtnis legt seine Zukunft nicht fest.

Meine Maskenarbeiten versuchen deshalb weder, vergangene Bildwelten zu rekonstruieren, noch eine Theorie der digitalen Gegenwart zu illustrieren. Sie schaffen vielmehr Konstellationen, in denen kulturell und historisch weit voneinander entfernte Zeiten gleichzeitig sichtbar werden.

Archaische Maske und Avatar, antiker Maskaron und Emoji, Theatermaske und Cutie lassen sich dann als weit auseinanderliegende Punkte eines Geflechts kultureller Zeichen denken.

 

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