Mask, 2018, Acryl/Leinwand, 80 x 80 cm
Das Gemälde „Mask“ macht die Maske zum Organisationsprinzip des ganzen Bildes. Was zunächst wie ein monumentales, frontal auf uns gerichtetes Gesicht erscheint, erweist sich bei längerem Sehen als ein komplexes Gefüge aus Gesicht, Zeichen, Ornament, Farbfeld und malerischer Materie. Die Maske zeigt sich – und verbirgt zugleich. Doch was sie verbirgt, bleibt vollkommen offen. Hinter ihr ist kein Träger sichtbar.
Fast die gesamte linke Bildhälfte wird von einem großen Maskengesicht beherrscht. Es ist frontal ausgerichtet. Schwarze Konturen umschreiben eine länglich-ovale Form, die sich gegen den dunkelbraunen und rötlichen Grund behauptet. Innerhalb dieses Umrisses sind die Bestandteile eines Gesichts zu erkennen – Augen, Nase, Mund –, doch sie erscheinen in geometrische und ornamentale Zeichen übersetzt.
Die Augen sind besonders auffällig. Gelbe, mandelförmige Flächen liegen unter kräftigen blauen Wimpern; darüber erscheinen türkisfarbene Bögen. Es ist Zeichen für das Sehen.
Wir betrachten die Maske, aber zugleich scheint die Maske uns anzusehen. Ihre Augen eine beinahe magische Präsenz. Sie gehören keinem psychologisch bestimmbaren Individuum. Ihr Blick kommt gleichsam aus dem Bild selbst.
Die orangefarbene Stirn- und Nasenpartie, übersät mit rosafarbenen Punkten, verstärkt den Eindruck des Ornamentalen. Die Nase wird zu einem langgestreckten Dreieck, die Wangen zerfallen in horizontale türkisfarbene Streifen. Unter ihnen setzen zwei rote Dreiecke aggressive Akzente. Im Zentrum schließlich öffnet sich eine große schwarze Ovalform mit leuchtend blauem Rand.
Ist dies ein Mund? Eine Öffnung? Ein Schrei? Ein Loch?
Gerade diese Unbestimmtheit ist entscheidend. Der vermeintliche Mund bezeichnet nicht mehr eindeutig ein anatomisches Detail. Er wird zu einer Leerstelle im Gesicht – zu einem schwarzen Zentrum, das von einem intensiv blauen Ring zugleich eingefasst und hervorgehoben wird. Wo man Ausdruck erwarten könnte, entsteht Abwesenheit.
Mein Gemälde versucht nicht, eine bestimmte historische oder ethnografisch identifizierbare Maske abzubilden. Es arbeitet vielmehr mit einem kulturellen Bildgedächtnis der „Maske“: Frontalität, geometrische Vereinfachung, übersteigerte Augen, ornamentale Gliederung, starke Konturen und die Transformation des menschlichen Gesichts in ein autonomes Zeichengefüge.
Damit wird die historische Diachronie der Maske interessant. Formen, die ursprünglich in bestimmten rituellen, religiösen und sozialen Zusammenhängen standen, wurden in der europäischen Moderne aus diesen Zusammenhängen herausgelöst und zu Elementen einer neuen Bildsprache.
Mein Bild kann die vermeintlich „archaische“ Maske nicht mehr unschuldig zitieren. Zwischen ihr und der Gegenwart liegen die Aneignungen der Moderne, Kubismus und Expressionismus, die Geschichte des sogenannten „Primitivismus“, Pop, Graffiti, digitale Zeichenwelten und schließlich die gegenwärtigen Debatten um kulturelle Aneignung und Dekolonisierung.
Die Maske wird damit zu einem diachronen Zeichen: In ihrer heutigen Erscheinung lagern unterschiedliche historische Bedeutungen übereinander. Keine davon kann mehr für sich allein beanspruchen, die „wahre“ Bedeutung der Form zu besitzen.
Besonders interessant ist deshalb die rechte Bildhälfte. Das Gesicht endet dort nicht einfach. Vielmehr scheint seine bildnerische Energie in eine andere Ordnung überzugehen.
Rechtecke, Balken, schwarze Rahmungen und unterschiedlich behandelte Farbfelder bilden eine lockere tektonische Struktur. Rot, Blau, Türkis, Grün, Rosa, Weiß und Schwarz stoßen gegeneinander. Einige Flächen wirken geschlossen, andere sind von Pinselzügen, Kratzspuren und Übermalungen durchzogen.
Ganz rechts erscheint ein großer gelber Kreis mit violettem Zentrum. Darunter befindet sich ein grüner Halbkreis. Diese Formen könnten alles Mögliche sein: Auge, Sonne, Scheibe, technische Anzeige, abstraktes Symbol oder schlicht autonome Farbform.
Doch „Mask“ erschöpft sich nicht in einer semiotischen Konstruktion. Immer wieder widersetzt sich die Malerei der klaren Lesbarkeit.
Der dunkle Grund ist keine neutrale Fläche. Pinselzüge bleiben sichtbar; Farbschichten überlagern sich; Grün schimmert durch Rot, Rosa durch Dunkelbraun, Blau durch Schwarz. Besonders an den Rändern des Maskengesichts und in den rechteckigen Feldern der rechten Bildhälfte entsteht eine lebendige malerische Unruhe.
Das Bild besitzt deshalb zwei gegensätzliche Kräfte.
Die eine ordnet: Kontur, Geometrie, Zeichen, Maske, Auge, Kreis, Rechteck.
Die andere entordnet: Pinselspur, Übermalung, Farbrest, Verwischung, Materialität.
Die schwarzen Linien versuchen die Welt in erkennbare Formen einzufassen. Die Malerei scheint diese Ordnung immer wieder zu unterlaufen.
Während die historische Dimension der Maske diachron gelesen werden kann, funktioniert das konkrete Gemälde radikal synchron. Auf seiner Fläche existieren heterogene Zeichensysteme gleichzeitig: archaisch wirkendes Ornament, modernistische Abstraktion, geometrische Konstruktion, expressive Pinselschrift und eine fast poppige Farbigkeit.
Saussures Unterscheidung von Diachronie und Synchronie lässt sich hier produktiv auf das Bild übertragen. Diachron betrachtet trägt die Maske ihre lange kulturelle Geschichte mit sich. Synchron betrachtet zählt dagegen das gegenwärtige Verhältnis der Zeichen zueinander.
Und dieses Verhältnis ist keineswegs hierarchisch.
Das vermeintlich archaische Maskenmotiv besitzt nicht mehr Wahrheit als der gelbe Kreis. Das figurative Auge ist nicht bedeutungsvoller als ein abstrakter Balken. Ein schwarzer Pinselstrich kann Kontur sein, aber ebenso reine malerische Geste.
Das Gemälde stellt seine Zeichen vielmehr in einen gemeinsamen Gegenwartsraum.
Hier erhält der englische Titel „Mask“ eine besondere Prägnanz. Er bezeichnet zunächst den sichtbaren Gegenstand, öffnet aber zugleich eine mediale Dimension.
Denn letztlich ist jedes Bild eine Art Maske.
Es zeigt eine Oberfläche und verbirgt den Prozess seiner Entstehung. Es präsentiert etwas als sichtbar, während anderes ausgelöscht, übermalt oder verdeckt wurde. Jede Farbschicht liegt vor einer anderen. Jede Kontur grenzt etwas ein und schließt anderes aus.
Die Maske wäre dann nicht bloß Motiv des Gemäldes, sondern ein Modell der Malerei selbst.
In „Mask“ wird diese Struktur sichtbar: Die schwarze Kontur maskiert Farbfelder; Farbfelder überdecken andere Farbschichten; geometrische Zeichen überlagern gestische Malerei. Zugleich scheint unter der jeweils sichtbaren Oberfläche immer etwas anderes weiterzuleben.
Das Bild besitzt damit etwas Palimpsestartiges. Es ist keine glatte Zeichenordnung, sondern eine Fläche gespeicherter Entscheidungen.
Das vielleicht Auffälligste an dieser Maske ist schließlich, dass sie trotz aller kulturellen Assoziationen niemanden repräsentiert.
Es gibt keinen sichtbaren Maskenträger.
Damit verschwindet jene klassische Dialektik, nach der hinter der Maske ein „wahres Gesicht“ verborgen sein müsste. Hinter dieser Maske wartet keine authentische Person darauf, enthüllt zu werden. Die Maske besitzt vielmehr ihre eigene Wirklichkeit.
Sie ist Oberfläche – aber Oberfläche mit Präsenz.
Gerade deshalb wirkt sie zugleich heiter, fremd, komisch und beunruhigend. Ihre grellen Farben verweigern die Feierlichkeit eines ethnografischen oder kultischen Objekts. Das Rosa, Orange, Türkis, Gelb und intensive Blau bringen etwas Spielerisches, beinahe Cartoonhaftes ins Bild. Das Archaische begegnet Pop. Pathos kippt in Ironie.
Und vielleicht liegt darin die Pointe von „Mask“: Die Maske verbirgt hier nicht mehr das wahre Gesicht hinter sich. Sie macht vielmehr sichtbar, dass es möglicherweise gar kein endgültiges Gesicht hinter den Zeichen gibt.
Es gibt Schichten, Zitate, Erinnerungen, Farben, historische Transformationen und immer neue Möglichkeiten des Sehens.