Künstlertext

Lachender Nietzsche

 

Künstlertext

 

Ein Künstler, der Texte zu seiner Kunst verfasst, begibt sich auf unsicheres Terrain.

Sollen die Werke nicht für sich selbst sprechen?

Nietzsches Diktum, dass der Künstler schweigen solle, wenn sein Werk spricht, enthält eine berechtigte Warnung: Das Kunstwerk bedarf keiner nachträglichen Rechtfertigung durch seinen Urheber. Es besitzt eine eigene Wirklichkeit, die sich weder auf die Absichten des Künstlers noch auf dessen theoretische Überzeugungen reduzieren lässt.

Mehr noch: Die Selbstinterpretation kann dem Kunstwerk geradezu schaden. Sie kann seine Mehrdeutigkeit einschränken, seine Widersprüche glätten und das offene Spiel der Wahrnehmung durch begriffliche Festlegungen ersetzen. Was im Bild als Spannung, Rätsel oder überraschende Konstellation erscheint, droht in der Sprache zur eindeutigen Aussage zu werden. Der Künstler verwandelt sich dann in den Kommentator seiner eigenen Werke – und beansprucht eine Deutungshoheit, die in der Moderne allerdings fast kanonisch wurde. Max Imdahl sagte einmal, dass die Künstlertexte der Moderne die Ikonologie und Ikonographie früherer Kunst ersetzten.

 

Trotzdem: auch der moderne Künstler weiß nicht notwendig besser als andere, was seine Werke bedeuten.

Das Kunstwerk kann mehr enthalten, als sein Urheber beabsichtigt oder gedacht  hat. Es entsteht in einem Prozess, in dem bewusste Entscheidungen und vor allem intuitive Zufälle zusammenwirken.

 

Denken als Kunst

 

Meine kunst- und kulturphilosophischen Texte bilden weder ein geschlossenes theoretisches System noch beanspruchen sie, die Bedeutung einzelner Werke verbindlich festzulegen.

Sie sind vielmehr Versuche, jenen Fragen nachzugehen, die mich seit Jahrzehnten beschäftigen: Wie entstehen Bedeutungen? Wie verändern sich kulturelle Zeichen? Was geschieht, wenn Bilder aus unterschiedlichen Zeiten und Kulturen aufeinandertreffen? Welche Rolle spielen Mythos, Maske, Erinnerung, Phantasie und das Spiel der Formen für unsere Erfahrung von Wirklichkeit?

 

Dabei folgt mein Denken einem ähnlichen Prinzip wie meine künstlerische Arbeit. In Anlehnung an Deleuze und Guattari spreche ich von meiner Rhizom-Ästhetik: einem offenen Geflecht von Begriffen, Bildern, Fragmenten und Verbindungen, das kein hierarchisch geordnetes System bildet. Die einzelnen Essays sind selbst Fragmente, die sich aufeinander beziehen, ohne sich einer übergeordneten Theorie unterwerfen zu müssen.

 

Das verbindende Element sind die Zeichen. Der Zeichencharakter bildet gewissermaßen das Missing Link zwischen meinen oft scheinbar heterogenen künstlerischen Themenschwerpunkten. Zeichen sind niemals bloß neutrale Träger feststehender Bedeutungen. Sie wandern durch Zeiten und Kulturen, verändern ihre Funktionen, verlieren alte Zusammenhänge und gewinnen neue. In meinen Bildern begegnen sie einander als Fragmente eines unabschließbaren kulturellen Raum-Zeit-Spiels.

 

Meine Ekphrasen versuchen, ausgewählten Bildern und Skulpturen meines Werks sprachlich näherzukommen. Jede Beschreibung ist bereits eine Interpretation, jede Interpretation eine mögliche Perspektive unter anderen. Zwischen dem Sichtbaren und dem Sagbaren bleibt eine Differenz, die sich nicht aufheben lässt.

 

Die hier versammelten Texte sind deshalb weder Gebrauchsanweisungen für meine Kunst noch deren philosophische Legitimation. Sie dokumentieren eine parallele Bewegung des Denkens, die mit der künstlerischen Arbeit vielfach verbunden ist, ohne mit ihr identisch zu sein.

Wenn das Werk spricht, muss der Künstler nicht unbedingt schweigen. Er sollte aber nicht beanspruchen, das letzte Wort zu haben.

 

 

Druckversion | Sitemap
© heereart