Ekphrasen

Das Bild und sein Anderes

„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“ Dieses bekannte Sprichwort scheint eine grundlegende Überlegenheit des Bildes gegenüber der Sprache zu behaupten. Was die Sprache nur mühsam und in zeitlicher Abfolge beschreiben kann, vermag das Bild in einem einzigen Augenblick gegenwärtig werden zu lassen. Doch was bedeutet es überhaupt, dass ein Bild etwas „sagt“? Können Bilder sprechen? Gibt es tatsächlich eine Sprache der Bilder, oder handelt es sich dabei um eine Metapher, die mehr verdeckt als erklärt?

 

Die Frage ist keineswegs trivial. Sprache verfügt über Wörter, grammatische Regeln und syntaktische Ordnungen, die es ermöglichen, Aussagen zu formulieren, Sachverhalte zu unterscheiden und Gedanken in nachvollziehbare Zusammenhänge zu bringen. Bilder dagegen folgen keiner vergleichbaren Ordnung. Ihre Formen, Farben, Figuren und Zeichen besitzen keine festgelegte Bedeutung. Sie lassen sich nicht wie Wörter zu Sätzen zusammensetzen, und ihre Beziehungen untereinander gehorchen keiner verbindlichen Grammatik. Selbst dort, wo Bilder kulturell überlieferte Symbole und ikonographische Konventionen verwenden, erschöpft sich ihre Bedeutung nicht in deren Entzifferung.

 

Vielleicht liegt gerade darin ihre Besonderheit. Bilder sagen nicht einfach etwas aus, sondern sie zeigen.

Sie stellen etwas vor Augen, das sich nicht ohne Verlust in sprachliche Aussagen überführen lässt. Ihre Elemente erscheinen gleichzeitig, durchdringen und überlagern sich, bilden Konstellationen, deren Bedeutungen weder eindeutig festgelegt noch vollständig voneinander zu trennen sind. Das Bild ist kein verschlüsselter Text, der nur auf seine Übersetzung wartet. Es ist eine eigene Form der Vergegenwärtigung, in der Sinnlichkeit und Bedeutung unauflöslich miteinander verbunden sind.

 

Sprechen Bilder nicht manchmal zu uns? Offenbar erfahren wir in ihnen etwas, das über das bloße Wahrnehmen von Farben und Formen hinausgeht. Sie wecken Erinnerungen, rufen Vorstellungen hervor, stellen Beziehungen her, irritieren unsere Erwartungen und eröffnen neue Bedeutungszusammenhänge. 

 

Die Ekphrasen in diesem Buch setzen an dieser eigentümlichen Spannung zwischen Bild und Sprache an. Sie versuchen, jenen Verknüpfungen von Formen, Vorstellungen, Erinnerungen und Bedeutungen nachzugehen, die im Bild wirksam sind, ohne sich auf den ersten Blick vollständig preiszugeben.

Dazu bedarf es eines Mediums, das dem Bild zunächst fremd zu sein scheint: der diskursiven Sprache. Sie entfaltet, was das Bild gleichzeitig zeigt; sie unterscheidet, was im Bild ineinander übergeht; sie folgt gedanklichen Wegen, wo das Auge ein Ganzes erfasst. Sie zerlegt, um Zusammenhänge sichtbar zu machen, und sie verlangsamt die Wahrnehmung, um ihr neue Möglichkeiten zu eröffnen.

 

Zu den Texten bitte auf das jeweilige Bild klicken.

Der Titel „Das Bild und sein Anderes“ verweist schließlich auf eine doppelte Beziehung. Das Andere des Bildes ist zunächst die Sprache, die sich ihm nähert, es beschreibt und deutet, ohne seine sinnliche Gegenwart ersetzen zu können. Doch das Andere bezeichnet zugleich etwas, das dem Bild selbst innewohnt: jenes Unsichtbare, das sich im Sichtbaren andeutet, ohne darin vollständig aufzugehen. In diesem Sinne lässt sich an Merleau-Pontys Philosophie des Sichtbaren und Unsichtbaren anknüpfen. Was wir sehen, erschöpft sich niemals in seiner unmittelbaren Erscheinung. Jedes Bild eröffnet einen Horizont von Erinnerungen, Vorstellungen, kulturellen Bedeutungen und möglichen Sinnzusammenhängen, die nicht einfach hinter seiner sichtbaren Oberfläche verborgen liegen, sondern in ihr wirksam werden. Das Bild zeigt mehr, als es unmittelbar zu sehen gibt. Die Ekphrasis versucht, diesem Mehr sprachlich näherzukommen, ohne es endgültig bestimmen zu können. Sie bewegt sich zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, zwischen sinnlicher Anschauung und begrifflicher Reflexion. Ihr Ziel ist nicht, das Geheimnis des Bildes aufzulösen, sondern seine Erfahrbarkeit zu vertiefen. Das Andere des Bildes ist somit nicht nur das, was ihm gegenübersteht, sondern auch das, was in ihm selbst über das unmittelbar Sichtbare hinausweist.

 

Das Unsichtbare muss also keineswegs eine metaphysische Hinterwelt sein. Es kann ebenso der unabschließbare Horizont kultureller Bedeutungen sein, der sich in der Begegnung heterogener Zeichen, historischer Fragmente und Bildwelten immer neu konstituiert.

 

Damit lässt sich Merleau-Pontys Phänomenologie mit meiner nachmetaphysischen Rhizom-Ästhetik verbinden: Der Sinn liegt nicht fertig hinter dem Bild, sondern entsteht und verändert sich im Spiel seiner sichtbaren und unsichtbaren Beziehungen.

 

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