Divina Commedia
Der Titel „Commedia“ öffnet noch einen zweiten Resonanzraum. Unvermeidlich klingt Dantes Divina Commedia an – jene gewaltige Wanderung durch Inferno, Purgatorio und Paradiso.
Die Collage kehrt diese vertikale Ordnung beinahe um. Es gibt keinen Aufstieg vom Inferno zum Paradies. Vielmehr wächst das Inferno von unten in das Bild hinein.
Der Müllberg wird zu einer zeitgenössischen Höllenlandschaft, allerdings zu einer bemerkenswert banalen. Keine Flammen, keine Teufel, keine Verdammten sind nötig. Chipstüten, Kunststofffolien, Papier und Verpackungen genügen.
Dieses Maskenmosaik ist Bestandteil der antiken Kultur und damit des „Nachlebens der Bilder“, über das uns z.B. Aby Warburg so eindringliche Analysen geliefert hat.
Doch „Commedia“ handelt nicht allein von Umweltzerstörung. Der Müll besitzt eine zweite, kulturgeschichtliche Bedeutung.
Das römische Maskenmosaik gehört selbst zu jenem gewaltigen Reservoir überlieferter Formen, das Aby Warburg als „Nachleben der Antike“ untersuchte. Bilder sterben nicht einfach. Gesten, Pathosformeln, Figuren und Symbole wandern durch Zeiten und Kulturen, verlieren ihre ursprünglichen Zusammenhänge und treten in neuen Konstellationen wieder auf.
In meiner Collage werden die antiken Masken aus ihrem archäologischen, musealen und kunsthistorischen Zusammenhang herausgelöst und in eine Bildwelt der Gegenwart versetzt. Ihr ursprünglicher Sinn verschwindet dabei nicht vollständig. Dionysos, Theater, Tragödie und Komödie bleiben als semantische Erinnerung erhalten. Doch diese Erinnerung wird von neuen Zeichen überlagert.
„Kulturmüll“ und kulturelles Gedächtnis
Damit gewinnt der Begriff des Mülls eine paradoxe Bedeutung.
Denn ein beträchtlicher Teil dessen, was wir heute als archäologischen Schatz bewundern, war irgendwann beschädigt, ausrangiert, verschüttet, zerbrochen oder schlicht vergessen. Scherben, Münzen, Kultgegenstände, Alltagsgeräte und Bildfragmente wurden durch die Archäologie aus Ablagerungen geborgen und in kulturelle Zeichen zurückverwandelt.
Der Gegensatz zwischen Kulturgut und Müll ist daher weniger stabil, als es zunächst scheint.
Was eine Epoche verwirft, kann eine spätere Epoche sammeln.
Was wertlos erscheint, kann zum Dokument werden.
Was unter der Erde verschwindet, kann Jahrhunderte später im Museum wiederkehren.
Was werden zukünftige Archäologen von uns finden?
„Mythen des Alltags“
Hier berührt die Collage schließlich Roland Barthes' Begriff der Mythen des Alltags. Der antike Mythos ist nicht einfach verschwunden. Vielmehr hat die moderne Warenwelt ihre eigenen mythischen Zeichensysteme hervorgebracht.
Markennamen, Verpackungsdesigns und Werbebilder versprechen Genuss, Glück, Jugend, Überfluss und permanente Verfügbarkeit. Das Produkt wird mit Bedeutungen aufgeladen, die seinen bloßen Gebrauchswert weit überschreiten.
Doch Commedia zeigt den Moment nach dieser mythischen Aufladung.
Die Ware wurde konsumiert.
Die Verpackung bleibt.
Damit vollzieht sich eine bemerkenswerte semiotische Entleerung. Die Verpackung war eben noch ein hochcodiertes Zeichen des Begehrens; auf dem Müll wird sie zum scheinbar bedeutungslosen Rest. Die Collage hebt sie jedoch wieder auf und verwandelt sie erneut in ein Zeichen.
So wird der Müll zur unfreiwilligen, beinahe apokalyptischen Monumentalplastik unserer Epoche. Die Verpackung, deren Bedeutung sich mit dem Konsum ihres Inhalts erschöpft hat, bleibt als Materie zurück. Der antike Mythos, gespiegelt in der antiken Tragödie und Komödie, dringt so in unsere Gegenwart vor. Aber nicht als humanistisch grundierte Erinnerungskultur, sondern als Persiflage, als Parodie. Vielleicht sogar als neuer transformierter „Mythos des Alltags“?
Commedia heute
Und gerade darin liegt eine präzise Allegorie der Konsumgesellschaft: Wir wissen um die Folgen unseres Handelns – und setzen es dennoch fort.
Die Commedia der Gegenwart besteht aus Logos, Werbeschriften und freundlichen Cartoonaugen (wie meine „Cuties“).
Die römischen Masken haben nahezu zwei Jahrtausende überdauert. Die verpackten Leckereien wurden in kürzester Zeit verspeist. Dennoch begegnen sich beide in derselben Gegenwart des Bildes.
Die Collage erzeugt damit eine eigentümliche Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.
Die lange historische Wanderung der Masken – Dionysoskult, antikes Theater, römisches Mosaik, archäologisches Objekt, Museum, kunsthistorische Reproduktion – wird in einem einzigen gegenwärtigen Bildraum mit den Zeichen des globalen Konsums kurzgeschlossen.
Zweitausend Jahre Bildgeschichte treffen auf die Lebensdauer einer Chipstüte.
Und plötzlich ist keineswegs mehr selbstverständlich, welches der beiden Objekte das „dauerhaftere“ ist.
Maske der Kultur
Innerhalb von „Müll, Masken und Mythen“ erhält die Maske deshalb eine zusätzliche Bedeutung. Sie verbirgt und zeigt zugleich. Sie ist Gesicht und Nicht-Gesicht, Person und Persona, Oberfläche und kultureller Speicher.
Vielleicht trägt auch die Konsumgesellschaft eine Maske.
Ihre Vorderseite ist glänzend, farbig, verführerisch und verheißungsvoll: Überfluss, Auswahl, Genuss, permanente Neuheit.
Ihre Rückseite ist der Müll.
Die Collage dreht diese Maske um.
Sie zeigt nicht das Produkt, sondern dessen Hinterlassenschaft; nicht das Versprechen, sondern seinen materiellen Rest. Ausgerechnet die antiken Theatermasken werden dabei zu Zeugen dieser Demaskierung.
Und dennoch bleibt die Sache ambivalent. Denn auch der Müll ist visuell faszinierend. Seine Farben, Faltungen, Transparenzen, Schriftzüge und Materialkontraste erzeugen eine geradezu barocke Fülle. Die Kritik am Konsum wird deshalb nicht von außerhalb des Bildes formuliert. Sie vollzieht sich innerhalb seiner eigenen Verführungskraft.
Das Bild kritisiert den Exzess – und inszeniert ihn zugleich.