Commedia, 2026, Acryl/Collage, 100 x 70 cm

 

Mittendrin in meiner Collage „Commedia“: Zwei spektakuläre Masken! Links die Maske der Tragödie, rechts die der Komödie (Mosaik, römisch, 200 n.Chr.). doch statt des antiken dionysisch basierten Theaters findet sich in meiner Collage ein Müllhaufen aus Plastik, aufgerissenen Verpackungen, zerknülltem Papier und Abfall.

 

Tragödie und Komödie

 

Dabei besitzt dieser Müll eine eigentümliche visuelle Aggressivität. Das Rot einer Chipstüte konkurriert mit dem Rot der antiken Gewänder; Schriftzüge, Logos und Cartoonaugen behaupten sich neben den aus zahllosen Mosaiksteinchen zusammengesetzten Gesichtern. Mosaik und Verpackung begegnen sich als zwei völlig verschiedene Zeichensysteme. Das eine wurde geschaffen, um zu dauern, das andere, um nach wenigen Minuten weggeworfen zu werden. Und doch überleben beide.

Hier beginnt die eigentliche Ironie des Bildes. Denn womöglich wird die Kunststoffverpackung materiell länger existieren als vieles von dem, was unsere Kultur ausdrücklich für bewahrenswert hält.

Die beiden antiken Masken erfahren durch ihre neue Umgebung eine radikale Bedeutungsverschiebung. Die Tragödienmaske scheint nicht mehr das tragische Geschehen einer antiken Handlung zu verkörpern. Ihr erschrockener Blick richtet sich nun scheinbar auf jene Zivilisation, in die sie nach zweitausend Jahren geraten ist. Der geöffnete Mund wird zum Ausdruck eines Entsetzens.

Die Komödienmaske reagiert vollkommen anders. Sie lacht.

Aber dieses Lachen hat nichts Befreiendes. Die extreme Öffnung des Mundes, die verzerrten Augen, der beinahe animalische Bart und der üppige Blätterschmuck lassen das Gesicht angesichts der Müllberge dämonisch erscheinen.

 

Dionysos auf dem Müllberg

 

Das antike Theater war aus dem Dionysos-Kult hervorgegangen. Weinlaub, Trauben, Vegetation und die satyrhafte Physiognomie der Komödienmaske erinnern an diesen Ursprung. Dionysos ist Gott des Rausches, der Entgrenzung, der Verwandlung, der Verschwendung und des Festes.

Die Collage vollzieht nun eine ebenso komische wie düstere Transformation dieses dionysischen Prinzips.

Denn auch die moderne Konsumgesellschaft kennt Rausch, Exzess und Verschwendung. Nur hat sich deren Gegenstand verändert. An die Stelle des kultischen Festes tritt die permanente Zirkulation der Waren. Auf den Rausch folgt nicht die kathartische Ernüchterung, sondern der Abfall.

Der Müllberg ist das, was nach dem modernen Fest übrig bleibt.

Die moderne Gesellschaft verschwendet ungeheure Mengen von Energie und Materie, aber ihre Verschwendung erzeugt keinen heiligen Überschuss. Sie erzeugt Verpackungsmüll.

So erscheint Dionysos in einer weiteren grotesken Metamorphose als Gott einer Konsumgesellschaft mit ihren Ritualen.

 

 

 

Divina Commedia

 

Der Titel „Commedia“ öffnet noch einen zweiten Resonanzraum. Unvermeidlich klingt Dantes Divina Commedia an – jene gewaltige Wanderung durch Inferno, Purgatorio und Paradiso.

Die Collage kehrt diese vertikale Ordnung beinahe um. Es gibt keinen Aufstieg vom Inferno zum Paradies. Vielmehr wächst das Inferno von unten in das Bild hinein.

Der Müllberg wird zu einer zeitgenössischen Höllenlandschaft, allerdings zu einer bemerkenswert banalen. Keine Flammen, keine Teufel, keine Verdammten sind nötig. Chipstüten, Kunststofffolien, Papier und Verpackungen genügen.

Dieses Maskenmosaik ist Bestandteil der antiken Kultur und damit des „Nachlebens der Bilder“, über das uns z.B. Aby Warburg so eindringliche Analysen geliefert hat. 

 

Doch „Commedia“ handelt nicht allein von Umweltzerstörung. Der Müll besitzt eine zweite, kulturgeschichtliche Bedeutung.

Das römische Maskenmosaik gehört selbst zu jenem gewaltigen Reservoir überlieferter Formen, das Aby Warburg als „Nachleben der Antike“ untersuchte. Bilder sterben nicht einfach. Gesten, Pathosformeln, Figuren und Symbole wandern durch Zeiten und Kulturen, verlieren ihre ursprünglichen Zusammenhänge und treten in neuen Konstellationen wieder auf.

 

In meiner Collage werden die antiken Masken aus ihrem archäologischen, musealen und kunsthistorischen Zusammenhang herausgelöst und in eine Bildwelt der Gegenwart versetzt. Ihr ursprünglicher Sinn verschwindet dabei nicht vollständig. Dionysos, Theater, Tragödie und Komödie bleiben als semantische Erinnerung erhalten. Doch diese Erinnerung wird von neuen Zeichen überlagert.

 

„Kulturmüll“ und kulturelles Gedächtnis

 

Damit gewinnt der Begriff des Mülls eine paradoxe Bedeutung.

Denn ein beträchtlicher Teil dessen, was wir heute als archäologischen Schatz bewundern, war irgendwann beschädigt, ausrangiert, verschüttet, zerbrochen oder schlicht vergessen. Scherben, Münzen, Kultgegenstände, Alltagsgeräte und Bildfragmente wurden durch die Archäologie aus Ablagerungen geborgen und in kulturelle Zeichen zurückverwandelt.

Der Gegensatz zwischen Kulturgut und Müll ist daher weniger stabil, als es zunächst scheint.

Was eine Epoche verwirft, kann eine spätere Epoche sammeln.

Was wertlos erscheint, kann zum Dokument werden.

Was unter der Erde verschwindet, kann Jahrhunderte später im Museum wiederkehren.

Was werden zukünftige Archäologen von uns finden?

 

„Mythen des Alltags“

 

Hier berührt die Collage schließlich Roland Barthes' Begriff der Mythen des Alltags. Der antike Mythos ist nicht einfach verschwunden. Vielmehr hat die moderne Warenwelt ihre eigenen mythischen Zeichensysteme hervorgebracht.

Markennamen, Verpackungsdesigns und Werbebilder versprechen Genuss, Glück, Jugend, Überfluss und permanente Verfügbarkeit. Das Produkt wird mit Bedeutungen aufgeladen, die seinen bloßen Gebrauchswert weit überschreiten.

Doch Commedia zeigt den Moment nach dieser mythischen Aufladung.

Die Ware wurde konsumiert.

Die Verpackung bleibt.

Damit vollzieht sich eine bemerkenswerte semiotische Entleerung. Die Verpackung war eben noch ein hochcodiertes Zeichen des Begehrens; auf dem Müll wird sie zum scheinbar bedeutungslosen Rest. Die Collage hebt sie jedoch wieder auf und verwandelt sie erneut in ein Zeichen.

So wird der Müll zur unfreiwilligen, beinahe apokalyptischen Monumentalplastik unserer Epoche. Die Verpackung, deren Bedeutung sich mit dem Konsum ihres Inhalts erschöpft hat, bleibt als Materie zurück. Der antike Mythos, gespiegelt in der antiken Tragödie und Komödie, dringt so in unsere Gegenwart vor. Aber nicht als humanistisch grundierte Erinnerungskultur, sondern als Persiflage, als Parodie. Vielleicht sogar als neuer transformierter „Mythos des Alltags“?

 

Commedia heute

 

Und gerade darin liegt eine präzise Allegorie der Konsumgesellschaft: Wir wissen um die Folgen unseres Handelns – und setzen es dennoch fort.

Die Commedia der Gegenwart besteht aus Logos, Werbeschriften und freundlichen Cartoonaugen (wie meine „Cuties“).

Die römischen Masken haben nahezu zwei Jahrtausende überdauert. Die verpackten Leckereien wurden in kürzester Zeit verspeist. Dennoch begegnen sich beide in derselben Gegenwart des Bildes.

Die Collage erzeugt damit eine eigentümliche Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.

Die lange historische Wanderung der Masken – Dionysoskult, antikes Theater, römisches Mosaik, archäologisches Objekt, Museum, kunsthistorische Reproduktion – wird in einem einzigen gegenwärtigen Bildraum mit den Zeichen des globalen Konsums kurzgeschlossen.

Zweitausend Jahre Bildgeschichte treffen auf die Lebensdauer einer Chipstüte.

Und plötzlich ist keineswegs mehr selbstverständlich, welches der beiden Objekte das „dauerhaftere“ ist.

 

Maske der Kultur

 

Innerhalb von „Müll, Masken und Mythen“ erhält die Maske deshalb eine zusätzliche Bedeutung. Sie verbirgt und zeigt zugleich. Sie ist Gesicht und Nicht-Gesicht, Person und Persona, Oberfläche und kultureller Speicher.

Vielleicht trägt auch die Konsumgesellschaft eine Maske.

Ihre Vorderseite ist glänzend, farbig, verführerisch und verheißungsvoll: Überfluss, Auswahl, Genuss, permanente Neuheit.

Ihre Rückseite ist der Müll.

Die Collage dreht diese Maske um.

Sie zeigt nicht das Produkt, sondern dessen Hinterlassenschaft; nicht das Versprechen, sondern seinen materiellen Rest. Ausgerechnet die antiken Theatermasken werden dabei zu Zeugen dieser Demaskierung.

Und dennoch bleibt die Sache ambivalent. Denn auch der Müll ist visuell faszinierend. Seine Farben, Faltungen, Transparenzen, Schriftzüge und Materialkontraste erzeugen eine geradezu barocke Fülle. Die Kritik am Konsum wird deshalb nicht von außerhalb des Bildes formuliert. Sie vollzieht sich innerhalb seiner eigenen Verführungskraft.

Das Bild kritisiert den Exzess – und inszeniert ihn zugleich.

 

 

 
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