Doch „Mask“ erschöpft sich nicht in einer semiotischen Konstruktion. Immer wieder widersetzt sich die Malerei der klaren Lesbarkeit.
Der dunkle Grund ist keine neutrale Fläche. Pinselzüge bleiben sichtbar; Farbschichten überlagern sich; Grün schimmert durch Rot, Rosa durch Dunkelbraun, Blau durch Schwarz. Besonders an den Rändern des Maskengesichts und in den rechteckigen Feldern der rechten Bildhälfte entsteht eine lebendige malerische Unruhe.
Das Bild besitzt deshalb zwei gegensätzliche Kräfte.
Die eine ordnet: Kontur, Geometrie, Zeichen, Maske, Auge, Kreis, Rechteck.
Die andere entordnet: Pinselspur, Übermalung, Farbrest, Verwischung, Materialität.
Die schwarzen Linien versuchen die Welt in erkennbare Formen einzufassen. Die Malerei scheint diese Ordnung immer wieder zu unterlaufen.
Hier erhält der englische Titel „Mask“ eine besondere Prägnanz. Er bezeichnet zunächst den sichtbaren Gegenstand, öffnet aber zugleich eine mediale Dimension.
Denn letztlich ist jedes Bild eine Art Maske.
Es zeigt eine Oberfläche und verbirgt den Prozess seiner Entstehung. Es präsentiert etwas als sichtbar, während anderes ausgelöscht, übermalt oder verdeckt wurde. Jede Farbschicht liegt vor einer anderen. Jede Kontur grenzt etwas ein und schließt anderes aus.
Die Maske wäre dann nicht bloß Motiv des Gemäldes, sondern ein Modell der Malerei selbst.
In „Mask“ wird diese Struktur sichtbar: Die schwarze Kontur maskiert Farbfelder; Farbfelder überdecken andere Farbschichten; geometrische Zeichen überlagern gestische Malerei. Zugleich scheint unter der jeweils sichtbaren Oberfläche immer etwas anderes weiterzuleben.
Das Bild besitzt damit etwas Palimpsestartiges. Es ist keine glatte Zeichenordnung, sondern eine Fläche gespeicherter Entscheidungen.
Das vielleicht Auffälligste an dieser Maske ist schließlich, dass sie trotz aller kulturellen Assoziationen niemanden repräsentiert.
Es gibt keinen sichtbaren Maskenträger.
Damit verschwindet jene klassische Dialektik, nach der hinter der Maske ein „wahres Gesicht“ verborgen sein müsste. Hinter dieser Maske wartet keine authentische Person darauf, enthüllt zu werden. Die Maske besitzt vielmehr ihre eigene Wirklichkeit.
Sie ist Oberfläche – aber Oberfläche mit Präsenz.
Das Archaische begegnet Pop. Pathos kippt in Ironie.
Und vielleicht liegt darin die Pointe von „Mask“: Die Maske verbirgt hier nicht mehr das wahre Gesicht hinter sich. Sie macht vielmehr sichtbar, dass es möglicherweise gar kein endgültiges Gesicht hinter den Zeichen gibt.
Es gibt Schichten, Zitate, Erinnerungen, Farben, historische Transformationen und immer neue Möglichkeiten des Sehens.