Faust: Logos und Tun
Gleich am Anfang der Tragödie bekennt Faust die subjektive Vergeblichkeit seiner Studien der Philosophie, Juristerei, Medizin und "leider“ auch der Theologie“ mit dem ernüchternden Bekenntnis:
„Da steh' ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!“
Nach einem Suizidversuch und dem befreienden Osterspaziergang entschließt er sich zur Neuübersetzung des Johannes-Evangeliums, dessen Beginn lautet: „Am Anfang war das Wort (griechisch: logos)“. Seiner neuerwachten Liebe zum Leben entsprechend übersetzt er „logos“ mit „Tat“; eine in der Tat sehr kühne Übersetzung.
„Im Anfang war die Tat“ ist philologisch eine sehr freie, eigentlich unhaltbare Übersetzung von griechisch λόγος (lógos). Aber genau das ist Goethes Pointe: Faust übersetzt nicht einfach den Johannesprolog, sondern interpretiert ihn philosophisch und zugleich charakterisiert er sich selbst.
Im Faust I sitzt Faust in seinem Studierzimmer und versucht Johannes 1,1 zu übertragen: „Im Anfang war das Wort“. Gerade am „Wort“ nimmt er Anstoß. Er erwägt nacheinander „Wort“ → „Sinn“ → „Kraft“ → „Tat“:
„Geschrieben steht: ›Im Anfang war das Wort! Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?“
Schließlich:„Mir hilft der Geist! auf einmal seh ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!“
Das griechische λόγος hat tatsächlich ein sehr viel größeres Bedeutungsfeld als das deutsche „Wort“. Es kann unter anderem Wort, Rede, Aussage, Bericht, Gedanke, Vernunft, Sinn, Verhältnis, Begründung bedeuten. In der griechischen Philosophie – besonders bei Heraklit und später in der Stoa – kann logos zudem ein vernünftiges Ordnungsprinzip der Welt bezeichnen.
Aber „Tat“ bedeutet λόγος nicht. Als Übersetzung des griechischen Textes wäre „Tat“ also nicht zu rechtfertigen. Das weiß Goethe selbstverständlich. Er inszeniert vielmehr einen Vorgang der produktiven Fehlübersetzung.
Interessant ist deshalb die Bewegung der vier Begriffe:
Wort → Sinn → Kraft → Tat
Sie bildet beinahe eine kleine Philosophiegeschichte. Faust beginnt bei der sprachlichen Bedeutung des logos. „Wort“ erscheint ihm zu äußerlich:
„Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen.“
Deshalb versucht er „Sinn“. Damit nähert er sich durchaus einer möglichen Bedeutung von logos: vernünftiger Gehalt, Gedanke, Bedeutung. Doch auch das genügt ihm nicht. Er geht weiter zur „Kraft“ – damit wird aus dem Logos ein wirkendes Prinzip. Erst von dort gelangt er zur „Tat“.
Der entscheidende Sprung findet also zwischen Sinn und Kraft beziehungsweise Kraft und Tat statt. Aus einem Prinzip des Denkens und der Weltordnung wird ein Prinzip des Wirkens.
Darin liegt meines Erachtens die eigentliche Raffinesse der Szene. Faust glaubt, Johannes zu übersetzen; tatsächlich übersetzt er den Johannesprolog in seine eigene Existenzphilosophie.
Der biblische Satz sagt gerade nicht: Am Anfang steht menschliches Handeln. Der johanneische Logos ist vielmehr präexistent und göttlich: „und der Logos war bei Gott, und Gott war der Logos“. Wenige Verse später heißt es, dass alles durch ihn geworden sei. Schließlich „wird der Logos Fleisch“.
Faust verschiebt diesen Gedanken radikal. Für ihn kann der Ursprung nicht im bloßen Wort und letztlich auch nicht im bloßen Denken liegen. Wirklichkeit muss sich vollziehen. Wahrheit wird für ihn erst im Handeln wirklich.
Das passt genau zu seiner vorherigen Lebenskrise. Faust hat Philosophie, Juristerei, Medizin und Theologie studiert und empfindet das gesamte angesammelte Wissen als unzureichend. Er leidet gerade an einer Welt der Wörter, Bücher und Begriffe. Seine Übersetzung ist deshalb zugleich eine Revolte gegen seine eigene Gelehrtenexistenz:
Nicht mehr erkennen, sondern handeln.
Und damit wird die scheinbare Bibelübersetzung bereits zur Vorwegnahme des ganzen Dramas.
Im Johannesprolog steht der Logos selbst in enger Beziehung zur Schöpfung:
„Alles ist durch dasselbe geworden.“
Das eröffnet Goethe überhaupt erst seinen Spielraum. Der Logos ist bei Johannes eben nicht nur ein gesprochenes Wort, sondern etwas, durch das Welt entsteht. Faust radikalisiert gewissermaßen diesen dynamischen Aspekt: Wenn durch den Logos alles wird, dann müsse sein innerstes Wesen – so Fausts Denkbewegung – doch Wirksamkeit sein.
Aus
Logos → Welt
macht Faust beinahe:
Kraft → Wirken → Tat → Welt.
Das ist keine Übersetzung mehr, sondern eine metaphysische Umdeutung.
Und gerade deshalb ist die Reihenfolge „Wort – Sinn – Kraft – Tat“ so wichtig. Goethe lässt Faust nicht einfach logos falsch mit „Tat“ übersetzen. Er zeigt uns den Denkprozess, durch den Faust den Logos in Tat verwandelt.
Dabei sollte man die Ironie der Szene nicht unterschätzen. Faust schreibt „getrost“: „Im Anfang war die Tat!“ – aber Goethe bestätigt keineswegs einfach, dass Faust damit die Wahrheit gefunden hätte.
Denn das gesamte weitere Drama untersucht gerade die Ambivalenz der Tat. Faust will aus der Reflexion ins Leben treten; mit Mephisto beginnt er tatsächlich zu handeln. Doch Handlungen erzeugen Folgen, die der Handelnde nicht beherrscht. Die Gretchen-Tragödie ist die erschütterndste Konsequenz davon.
„Im Anfang war die Tat“ ist daher zugleich Fausts Programm und Goethes Problemstellung.
Besonders raffiniert wird das im Verhältnis zu Mephisto. Faust setzt auf produktive Tätigkeit, während Mephisto sich als
„ein Teil von jener Kraft,
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft“
bezeichnet. Auch hier erscheinen wieder Kraft, Wille, Wirkung und Hervorbringen. Die Welt des Faust ist keine statische Welt von Substanzen, sondern eine Welt von Kräften, Handlungen und unbeabsichtigten Folgen.
Philologisch ist sie falsch. Poetisch-philosophisch ist sie hochpräzise.
Goethe lässt Faust einen hermeneutischen Gewaltakt vollziehen: Er liest in den logos sein eigenes Weltverständnis hinein. Aus dem christlichen Logos wird ein faustisches Prinzip des Werdens und Wirkens.
Und das führt zu einer für Ihre eigenen Überlegungen besonders interessanten Nähe zu Nietzsche: Nicht ein feststehender metaphysischer Sinn steht am Anfang, sondern Hervorbringen, Werden, Wirken. Bei Goethe bleibt diese Position allerdings dramatisch gebrochen. Die Tat erlöst Faust nicht einfach vom Problem des Logos; vielmehr zeigt das gesamte Drama, dass jede Tat wiederum neue Bedeutungen, Folgen und Deutungen erzeugt.
Man könnte die berühmte Stelle deshalb zugespitzt lesen:
Faust übersetzt nicht das griechische Wort λόγος mit „Tat“ – er übersetzt eine metaphysische Ordnung in eine Philosophie des Werdens.
Bildwelten: ästhetische Erfahrung
Vielleicht beginnt auch die Beschäftigung mit meinen "Bildwelten" an diesem Punkt: zwischen Zweifel und Neugier, zwischen Nachdenken und Wahrnehmen.
Allerdings habe ich mich nicht der mephistophelischen „Magie ergeben“ (wenngleich die Kulturgeschichte des Teufels mich zu einigen Collagen angeregt hat).
Meine Arbeiten können sicher nicht dazu dienen, was Faust sucht, „zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält“, aber vielleicht dazu, eine ästhetische Erfahrung mit Kunstwerken zu ermöglichen, die nicht „nur“ auf das Werk selbst bezogen ist - was ja schon eine ganze Menge darstellt – sondern auch auf die Welt draußen - außerhalb des imaginativen künstlerischen Bildraums.
Meine „Bildwelten" sind kein Versuch, die Welt zu erklären oder gar zu entschlüsseln. Es geht mir vielmehr darum, Räume zu öffnen – visuelle, gedankliche und auch emotionale Räume, in denen die Betrachter eigene Verbindungen herstellen können: zwischen den Bildern und Ihrer eigenen Erfahrung.
Kunst heute kann und muss vielleicht Vieles zugleich sein. Sie kann Ausdruck persönlicher Erfahrungen sein, ein Mittel zur Selbstreflexion oder auch ein Kommentar zur Gesellschaft. Sie kann irritieren, provozieren oder „einfach“ eine ästhetische Erfahrung ermöglichen.
Meine Arbeiten bewegen sich in diesem Spannungsfeld. Sie entstehen einerseits intuitiv und andererseits aus einer langen Beschäftigung mit philosophischen Fragen – aber nicht, um Antworten zu geben, sondern um Perspektiven anzubieten. Die begleitenden Texte in meiner Website verstehen sich dabei nicht als Erklärungen im engeren Sinn, sondern als Einladungen zum Weiterdenken.
Welten
Nur noch ein kleiner Hinweis zum heute absolut inflationären Gebrauch des Begriffes „Welten“ und „Welt“:
So sollen wir eintauchen in Genuss-Welten, Duftwelten, Einkaufs-Welten, digitale Welten, Fitness-Welten, Urlaubswelten, Erlebniswelten, Wellnesswelten, Welt der Stars etc. etc.
Ich kann nur mutmaßen, warum sich dies beinahe naturwüchsig so entwickelt hat: Dieser inflationäre Usus der „Welten“, vor allem in der Konsumindustrie, korrespondiert mit der zunehmenden Auflösung der religiösen und metaphysischen Welten – jedenfalls im Westen - die Nietzsche in einem berühmten Diktum mit „Wie die „wahre Welt“ endlich zur Fabel wurde“ überschrieb.
Letzterer skandierte auch in „Zarathustras Rundgesang":
„Die Welt ist tief,
Und tiefer, als der Tag gedacht“.
Lebenswelt
Ich möchte die „Lebenswelt“ vorschlagen, ein Begriff, der von Edmund Husserl Anfang des 20. Jahrhunderts in die Philosophie eingeführt und von anderen Denkern weiterentwickelt wurde. Sehr allgemein ist damit die Welt gemeint, in der wir leben, denken, fühlen, handeln und z.B. Kunst machen, aber auch die Welt in uns, die manchmal noch abgründiger erscheint als die äußeren Welten, aber manchmal eben auch tiefgründig wie bei unserem Gott-Sinn-Weltsucher und späterem Kolonisten Faust.
Damit ist die Welt gemeint, in der wir tatsächlich leben – die wir erfahren, fühlen, erinnern und gestalten. Eine Welt, die nicht nur außerhalb von uns existiert, sondern auch in uns selbst. Und genau in diesem Spannungsraum bewegen sich meine Bilder.
Mögliche künstlerische Welten
Dieser Begriff dürfte auf den Barock zurückgehen, insbesondere auf Leibniz' Theorie "möglicher Welten".
"Entscheidend ist, dass man sich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts daran gewöhnte, die Theorie der vielen möglichen Welten zur Rechtfertigung der Literatur bzw. der Künste einzusetzen." (1)
Leibniz' Welten sind sicher andere als die Welt(en) bei Husserl und Heidegger oder diejenigen der Moderne und Postmoderne...
Ob damit , wie Robert meint, die "kränkende Dezentriertheit der Menschen kompensiert wird" (2), sei dahingestellt. Allerdings sei im Barock noch nicht von einer uneingeschränkten Freisetzung der produktiven Einbildungskraft die Rede.