Wunderland der Zeichen

 

Wir sind kulturelle Wesen. Wir leben nicht einfach in einer Welt von Dingen, sondern in einem Wunderland der Zeichen: in Bildern, Symbolen, Erinnerungen, Mythen, Erzählungen, Gesten und Vorstellungen, die sich zwischen uns und die Dinge schieben – und sie zugleich überhaupt erst für uns sichtbar und bedeutsam machen.

Unsere Wirklichkeit ist niemals einfach gegeben. Sie wird wahrgenommen, gedeutet, erinnert, erzählt und immer wieder neu hervorgebracht. Kultur ist deshalb nicht bloß ein Bereich neben anderen. Sie ist eine grundlegende Weise, in der menschliche Welt entsteht.

Die Wirklichkeit der Zeichen

Was wir sehen, fühlen und erkennen, ist immer schon durch kulturelle Formen geprägt. Sprache, Religion, Wissenschaft, Kunst, Architektur, Medien, Fotografie, Film und digitale Netzwerke schaffen jene symbolischen Ordnungen, innerhalb derer Wirklichkeit für uns erfahrbar wird.

Wir sehen keine Landschaft ohne Erinnerungen an andere Landschaften und Landschaftsbilder. Wir betrachten keinen Körper unabhängig von historisch entstandenen Vorstellungen von Schönheit, Geschlecht, Jugend, Alter oder Individualität. Wir denken Religion durch Bilder und Erzählungen, Geschichte durch überlieferte Dokumente und Gegenwart zunehmend durch mediale und digitale Inszenierungen.

Selbst dort, wo eine Erfahrung vollkommen unmittelbar zu sein scheint – in der Schönheit einer Farbe, im Schrecken eines Gesichts, in der Intensität eines Klanges –, verschwindet die kulturelle Dimension nicht. Doch für einen Augenblick kann sie zurücktreten. Das Zeichen scheint dann nichts anderes mehr zu bezeichnen als sich selbst. Farbe ist Farbe, Form ist Form, ein Gesicht ist zunächst Präsenz.

Gerade darin liegt eines der Wunder der Kunst: Zeichen können etwas bedeuten und zugleich einfach da sein.

Unsere Welt besteht deshalb nicht nur aus Dingen, sondern aus Bedeutungen. Sie erscheint als ein unaufhörlich wachsendes Geflecht von Zeichen, das jede Generation übernimmt, verändert, erweitert und teilweise wieder vergisst.

Sehen ist kulturell

Auch das Sehen selbst ist keine vollkommen voraussetzungslose Tätigkeit. Wir müssen lernen, Formen voneinander zu unterscheiden, Räume zu gliedern, Figuren und Hintergründe zu erkennen und Bilder als Bilder zu verstehen. Wahrnehmung besitzt körperliche und biologische Grundlagen, wird aber zugleich durch Erfahrung und Kultur geprägt.

Das scheinbar selbstverständliche räumliche Sehfeld ist deshalb nicht einfach mit seiner bildlichen Darstellung gleichzusetzen. Perspektive, Größenverhältnisse, Bildraum und die Ordnung von Vordergrund und Hintergrund sind historisch und kulturell unterschiedlich dargestellt worden.

Andere Kulturen und andere Epochen haben andere Bildordnungen hervorgebracht. Die Zentralperspektive der Renaissance ist nur eine davon. Mittelalterliche Bilder, chinesische Landschaftsmalerei, afrikanische Masken, japanische Farbholzschnitte, moderne Abstraktion oder digitale Bildwelten organisieren Sichtbarkeit auf jeweils andere Weise.

Kunst zeigt damit nicht nur, was Menschen gesehen haben. Sie zeigt auch, wie sie gelernt haben, Welt zu sehen.

Die Collage als Weltmodell

Von hier aus wird die Collage für mich von einer künstlerischen Technik zu einem Modell unseres Weltverhältnisses.

Erinnerungen, Medienbilder, historische Kenntnisse, persönliche Erfahrungen, Träume, Kunstwerke und digitale Informationen überlagern sich unablässig. Wahrnehmung entsteht aus einer Vielzahl heterogener Fragmente – und dennoch erleben wir unsere Welt gewöhnlich als zusammenhängend.

Die Collage macht diesen Vorgang sichtbar.

In meinen Arbeiten begegnen sich antike Skulpturen und Comics, religiöse Ikonen und Popkultur, Architektur und Natur, historische Gemälde und digitale Bildwelten. Zeichen, die ursprünglich nichts miteinander zu tun hatten, geraten plötzlich in Nachbarschaft.

Dadurch entstehen neue Beziehungen.

Unterschiedliche Zeiten treten gleichzeitig in Erscheinung. Vergangenheit wird nicht lediglich zitiert, sondern Gegenwart, Präsenz. Ein jahrhundertealtes Gesicht kann uns plötzlich wie ein Zeitgenosse ansehen. Eine antike Maske begegnet einem Cartoon. Ein Renaissancebild erscheint neben einem digitalen Zeichen. Mythos und Alltag, Pathos und Pop, Heiliges und Profanes treten miteinander in ein Spiel.

Fremdes wird vertraut. Vertrautes erscheint plötzlich fremd.

In diesem Sinne könnte man die Collage als eine Anthropologie der Gegenwart verstehen. Sie macht sichtbar, wie kulturelle Wirklichkeit aus Überlagerungen, Erinnerungen, Verschiebungen und überraschenden Verbindungen entsteht.

Das Fragment als schöpferisches Prinzip

Ebenso grundlegend ist für meine Arbeit das Fragment.

Das Fragment besitzt keinen Mangelcharakter. Es ist nicht lediglich der beschädigte Rest eines ursprünglich Ganzen. Gerade weil es unvollständig ist, besitzt es eine eigentümliche Freiheit. Es kann aus seinem bisherigen Zusammenhang heraustreten und neue Beziehungen eingehen.

Ein Gesicht aus einem Renaissancegemälde, der Ausschnitt einer antiken Skulptur, eine Maske, ein Stück Architektur, eine Comicfigur oder ein fotografiertes Detail trägt seine Geschichte mit sich. Doch diese Geschichte bestimmt seine Bedeutung nicht vollständig.

Im neuen Bild beginnt das Fragment ein zweites Leben.

Das Fragment widerspricht damit der Vorstellung eines abgeschlossenen Weltbildes. Kultur selbst erscheint als ein niemals beendeter Prozess. Jede Epoche übernimmt Überreste früherer Zeiten, deutet sie um, verdrängt manches, entdeckt anderes wieder und fügt das Überlieferte in neue Zusammenhänge ein.

Kultur entsteht aus Erinnerung ebenso wie aus Vergessen.

Meine Bilder bewahren Fragmente vergangener Bildwelten, ohne sie restaurieren zu wollen. Sie setzen sie neuen Kräften aus. Dadurch entstehen Konstellationen, die vorher nicht existierten.

Die Gleichzeitigkeit der Zeiten

In der Wunderwelt der Zeichen gibt es keine reine Gegenwart.

Die Vergangenheit ist überall anwesend: in unseren Begriffen, Bildern, Gebäuden, Ritualen, Körpervorstellungen und ästhetischen Erwartungen. Antike, Christentum, Renaissance, Moderne, Popkultur und digitale Gegenwart existieren nicht sauber voneinander getrennt. Ihre Zeichen überlagern sich.

Ein altes Bild kann plötzlich erstaunlich gegenwärtig erscheinen. Umgekehrt kann ein Zeichen unserer unmittelbaren Gegenwart schon im Augenblick seines Erscheinens wie ein archäologisches Fundstück wirken.

Kunst kann diese Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen sichtbar machen.

Sie hebt die chronologische Ordnung für einen Augenblick auf und schafft einen Raum, in dem Masaccio einem Cartoon, Dionysos einem Emoji, eine antike Maske einem digitalen Gesicht oder eine christliche Ikone der Warenwelt begegnen kann.

Das Bild wird zum Schauplatz kultureller Zeit.

Imaginäre Welten

So entstehen jene imaginären Welten, die den eigentlichen Gegenstand meiner Kunst bilden.

Diese Welten sind keine Flucht vor der Realität. Sie erweitern sie. Sie zeigen Möglichkeiten des Sehens, Denkens und Empfindens, die innerhalb alltäglicher Wahrnehmung verborgen bleiben.

Kunst erschafft nicht einfach eine zweite Wirklichkeit neben der bestehenden. Sie macht vielmehr sichtbar, dass menschliche Wirklichkeit selbst immer schon von Imagination durchdrungen ist.

Erinnerung ist imaginativ. Mythos ist imaginativ. Religion ist imaginativ. Zukunft ist imaginativ. Selbst unser Bild von uns selbst enthält Erzählungen und Vorstellungen, die sich niemals vollständig auf Tatsachen reduzieren lassen.

Deshalb erscheinen Landschaften, Figuren und Architekturen in meinen Arbeiten häufig weder eindeutig real noch eindeutig fiktiv. Sie bewegen sich zwischen Erinnerung und Erfindung, Geschichte und Gegenwart, Traum und Dokumentation.

Ihre Bedeutung bleibt offen.

Das Spiel der Bedeutungen

Zeichen besitzen keine vollkommen unveränderliche Bedeutung. Sobald sie in neue Zusammenhänge eintreten, beginnen sie anders zu sprechen.

Gerade darin liegt für mich das Spielerische der Kunst.

Spiel bedeutet dabei nicht Beliebigkeit. Im Gegenteil: Ein Spiel entsteht nur dort, wo Beziehungen möglich sind. Ein Zeichen bringt seine Geschichte, seine kulturellen Konnotationen und seine formale Gestalt mit. Doch im Bild trifft es auf andere Zeichen und wird dadurch verändert.

Eine Maske bleibt eine Maske und kann zugleich Gesicht, Ritualobjekt, Kunstwerk, Ware, Erinnerung oder kulturelles Zitat sein. Ein Christusbild kann religiöses Zeichen, kunsthistorisches Fragment und Bestandteil einer zeitgenössischen Collage zugleich werden. Ein Cartoon kann komisch erscheinen und im nächsten Zusammenhang etwas Unheimliches gewinnen.

Bedeutung entsteht deshalb nicht als eindeutige Botschaft, sondern als Ereignis zwischen den Zeichen.

Eine Ethik der Zeichen

Wenn Zeichen Welt bedeuten, dann ist unser Umgang mit ihnen niemals vollkommen unschuldig.

Bilder können Menschen sichtbar machen oder unsichtbar werden lassen. Sie können verehren und erniedrigen, erinnern und vergessen, aufklären und täuschen. Sie können Macht legitimieren, Stereotype erzeugen und Wirklichkeiten verschleiern. Sie können aber ebenso überkommene Ordnungen infrage stellen, verdrängte Erfahrungen sichtbar machen und neue Möglichkeiten des Zusammenlebens vorstellbar werden lassen.

Aus der Ästhetik der Zeichen ergibt sich deshalb auch eine Ethik der Zeichen.

Wer Bilder verwendet, übernimmt keine absolute Kontrolle über ihre Bedeutung, wohl aber Verantwortung für die Beziehungen, in die er sie setzt.

Das betrifft insbesondere eine Gegenwart, in der Bilder in bislang unbekanntem Umfang produziert, kopiert, manipuliert und verbreitet werden. Digitale Netzwerke und künstliche Intelligenz erweitern den Kosmos der Zeichen exponentiell. Die Grenze zwischen Dokument, Konstruktion, Erinnerung, Simulation und Fiktion wird dabei zunehmend durchlässig.

Umso wichtiger wird die Frage: Welche Welt erzeugen unsere Zeichen?

Eine Ethik der Zeichen verlangt keine moralische Eindeutigkeit der Kunst. Kunst darf widersprüchlich, grotesk, verstörend, komisch und mehrdeutig bleiben. Ihre ethische Dimension besteht gerade nicht darin, fertige moralische Antworten zu liefern.

Sie besteht vielmehr in einer Aufmerksamkeit gegenüber den Bildern, die wir übernehmen, verändern und weitergeben.

Denn Zeichen stellen die Welt nicht nur dar.

Sie bedeuten Welt – und indem sie Welt bedeuten, wirken sie an ihr mit.

Kultur als offener Kosmos

Der Begriff des Kosmos bezeichnet für mich deshalb keine harmonisch geschlossene Ordnung. Er bezeichnet ein Universum ständig wachsender Beziehungen.

Kultur ist kein abgeschlossenes Archiv. Sie gleicht eher einem lebendigen Geflecht, das fortwährend neue Zeichen hervorbringt, ältere verändert und scheinbar Vergessenes wieder sichtbar werden lässt.

Jedes Kunstwerk tritt in diesen Kosmos ein. Es greift auf bereits vorhandene Bilder zurück und fügt ihnen zugleich etwas hinzu. Kunst lebt von Wiederholung und Differenz, Erinnerung und Erfindung, Übernahme und Transformation.

In diesem Sinne besitzt jedes Bild eine rhizomatische Struktur. Es hat kein endgültiges Zentrum. Von jedem seiner Elemente führen mögliche Wege zu anderen Bildern, Geschichten, Erinnerungen und kulturellen Räumen.

Ein Bild endet deshalb nicht an seinem Rahmen.

Es setzt sich im Gedächtnis des Betrachters fort.

Kunst als kulturelle Selbstreflexion

Hier erhält Kunst ihre besondere Bedeutung.

Sie reproduziert Kultur nicht lediglich. Sie kann ihre verborgenen Mechanismen sichtbar machen. Sie zeigt, wie Bilder entstehen, wie Bedeutungen erzeugt werden, wie kulturelle Erinnerungen fortleben und wie scheinbar selbstverständliche Ordnungen verändert werden können.

Doch Kunst ist mehr als Reflexion.

Sie ist selbst ein Akt kultureller Weltbildung.

Indem sie Zeichen neu ordnet, schafft sie Beziehungen, die zuvor nicht vorhanden waren. Sie bringt historische Ferne und unmittelbare Gegenwart zusammen, lässt Bekanntes fremd und Fremdes vertraut erscheinen und eröffnet Räume des Möglichen.

Vielleicht liegt gerade darin das Wunder dieser Wunderwelt der Zeichen:

Wir haben die Zeichen geschaffen – und zugleich leben wir in den Welten, die sie für uns erschaffen.

Jedes Bild tritt in diese Welt ein, nimmt vorhandene Zeichen auf und fügt ihnen neue hinzu.

Der Kosmos bleibt offen.

 

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