Künstler  Asket  Narr

 

 

 

„Was bedeuten eigentlich asketische Ideale?“ – fragt sich Nietzsche in der „Genealogie der Moral“ (1) Diese Frage richtet sich nicht allein an die Askese, sondern an einen Kulturtypus, der vom unbedingten Willen zur Wahrheit getragen wird. Dieser Wille durchzieht die abendländische Geschichte als Vorrang der Vernunft, der Logik, der Dialektik und schließlich der Wissenschaft. Das asketische Ideal erscheint dabei als die tiefste, oft unbewusste Moral der Erkenntnis selbst.

Nietzsche erkennt in diesem Ideal eine paradoxe Struktur: Es tritt im Namen der Lebensverbesserung auf, erzeugt jedoch einen fundamentalen Widerwillen gegen das Leben. Denn es misst das Leben an Maßstäben, die ihm fremd sind – Reinheit, Widerspruchslosigkeit, Wahrheit um jeden Preis.

 

Sokrates und der theoretische Optimismus

 

Als ersten großen Protagonisten dieses Kulturtypus identifiziert Nietzsche Sokrates. Dieser verkörpert für ihn den „theoretischen Optimisten“, der an die vollständige Ergründbarkeit der Welt glaubt und dem Wissen die Kraft einer Universalmedizin zuschreibt. Irrtum gilt hier als das Übel an sich, Erkenntnis als Heilmittel.

Nietzsche erkennt ausdrücklich die Vorzüge der sokratischen Welt: begriffliche Klarheit, die Fähigkeit zur Unterscheidung von Schein und Irrtum, sittliche Ideale wie Mitleid, Aufopferung und Heroismus, ja sogar eine schwer errungene Heiterkeit und Daseinsseligkeit. Diese gelten ihm als hohe menschliche Errungenschaften. Doch gerade diese Welt ruht auf einem Glauben, dem gegenüber „uns keine Wahl bleibt“: dem Glauben an den unbedingten Wert der Wahrheit.

 

Der Wille zur Wahrheit als lebensfeindliches Prinzip

 

Nietzsches entscheidender Einspruch setzt beim Leben selbst an. Dieses ist, so seine Diagnose, nicht auf Wahrheit, sondern auf Irrtum, Täuschung, Verstellung, Blendung und Selbstverblendung angelegt. Der Wille zur Wahrheit richtet sich daher gegen die elementaren Lebensbedingungen. Er wird zu einem lebensfeindlichen, ja zerstörerischen Prinzip.

Damit entlarvt Nietzsche die Wissenschaft als moralisch grundierte Praxis. Sie bejaht implizit eine andere Welt als die der Natur, der Geschichte und des gelebten Lebens. Diese wirkliche Welt erscheint aus wissenschaftlicher Perspektive als defizitär, unmoralisch oder bloß vorläufig. Die Wahrheit wird zum Maßstab, vor dem sich das Leben rechtfertigen soll – und an dem es notwendig scheitert.

 

Künstler und theoretischer Mensch: Enthüllung versus Form

 

Dieser Gegensatz findet seine paradigmatische Ausformulierung in Nietzsches Unterscheidung zwischen Künstler und theoretischem Menschen. Während der theoretische Mensch seine höchste Lust im Prozess der Enthüllung findet und in jeder abgeworfenen Hülle einen Fortschritt sieht, bleibt der Künstler an dem hängen, was auch nach jeder Enthüllung noch Hülle bleibt.

Der Künstler weiß, dass der Schein nicht das Gegenteil der Wahrheit ist, sondern ihre Bedingung. Wo der theoretische Mensch den Schein überwinden will, gestaltet der Künstler ihn. Wahrheit ist für diesen nicht Ziel, sondern Gefahr: Sie zerstört die lebensnotwendigen Illusionen, ohne neue Formen der Bejahung bereitzustellen.

"Wenn nämlich der Künstler bei jeder Enthüllung der Wahrheit immer nur mit verzückten Blicken an dem hängen bleibe, was auch jetzt, nach der Enthüllung, noch Hülle bleibt, genieße und befriedige sich der theoretische Mensch an der abgeworfenen Hülle und habe sein höchstes Lustziel in dem Prozess einer immer glücklichen, durch eigene Kraft gelingende Enthüllung." (Nietzsche, Die Geburt der Tragödie, 15")

 

Perspektivismus und die Welt als Zeichen- und Oberflächengefüge

 

Demgegenüber ginge es um einen Phänomenalismus und Perspektivismus, um ein Bewusstsein, dass unsere Welt eine Oberflächen- und Zeichenwelt ist, ja, dass der zeichen-erfindende Mensch zugleich der immer schärfer seiner selbst bewusste Mensch ist.

Allerdings kann damit nicht ohne weiteres auf einen irgendwie erweiterten Begriff der Wahrheit geschlossen werden. Wenn alles Oberfläche und Zeichen ist, muss notwendigerweise der Meister der Oberflächen, der Verstellung, der Masken, also der Schauspieler der moderne Typus par excellence sein. Und in der Tat hat Nietzsche "das Problem des Schauspielers am längsten beunruhigt“. Einerseits gilt dieser ihm als dekadenter anbiedernder Typus, andererseits sei gerade der dionysisch-apollinische Künstler, dessen "Artistenmetaphysik“ beinahe das Credo der "tragischen Erkenntnis“ darstellt, ein Produkt der "eingefleischten Kunst der ewigen Versteckspielens“. Die Genealogie des Künstlers wäre der "Possenreißer, Lügenerzähler, Hanswurst, Narr, Clown, Gil Blas." Denn in solchen Typen habe man die Vorgeschichte des Künstlers und oft genug sogar des Genies. (Nietzsche, Fröhliche Wissenschaft 5, 361)

 

Und Narren sind selten Asketen. Es sei denn, sie sind närrisch...

 

 

Aus dieser Einsicht entwickelt Nietzsche seinen Phänomenalismus und Perspektivismus. Die Welt ist keine Ding-an-sich-Welt, sondern eine Oberflächen- und Zeichenwelt. Erkenntnis ist kein Abbilden, sondern Interpretieren; das Subjekt keine feste Substanz, sondern ein Knotenpunkt von Perspektiven.

Diese Einsicht radikalisiert das Problem der Wahrheit. Wenn es keinen privilegierten Zugang zum Sein gibt, verliert der Wahrheitsmensch seine metaphysische Sonderstellung. An seine Stelle tritt ein anderer Typus: der Meister der Oberfläche, der Zeichen, der Inszenierung.

 

 

Der Schauspieler

 

Hier tritt der Schauspieler auf – Nietzsches „moderner Typus par excellence“. Kaum eine Figur hat ihn stärker beunruhigt. Einerseits erscheint der Schauspieler als dekadenter, anbiedernder Mensch ohne innere Notwendigkeit, der sich nach dem Publikum formt und jede Haltung wie ein Kostüm wechselt. Er ist reaktiv, abhängig, ohne schöpferisches Zentrum.

Andererseits ist gerade der höchste Künstler ohne Masken, Rollen und Verstellung nicht denkbar. Der dionysisch-apollinische Künstler schafft Formen, in denen das Chaos des Lebens sichtbar, erquicklich und bejahbar wird. Seine Masken sind keine Flucht, sondern Ausdruck von Macht: Er beherrscht den Schein, statt ihm zu erliegen

 

Nietzsche treibt diese Ambivalenz genealogisch auf die Spitze, wenn er den Ursprung des Künstlers im Possenreißer, Lügenerzähler, Hanswurst, Narren und Clown verortet. Diese Figuren stehen für eine Praxis der Wirkung, nicht der Wahrheit. Sie arbeiten mit Affekten, Übertreibung, Täuschung, Spiel:

"...als Instinkt andre Instinkte kommandiren lernt und den Schauspieler, den "Künstler" erzeugt (den Possenreisser, Lügenerzähler, Hanswurst, Narren, Clown zunächst, auch den classischen Bedienten, den Gil Blas: denn in solchen Typen hat man die Vorgeschichte des Künstlers und oft genug sogar des "Genies")."(2)

 

Gerade darin erkennt Nietzsche ihre Nähe zum Genie. Der Narr unterläuft Ordnung nicht argumentativ, sondern performativ. Er zeigt, dass Ernst, Moral und Wahrheit selbst Masken sind. Damit steht er quer zum asketischen Ideal, das Einheit, Reinheit und Ernst verlangt.

Nietzsche spricht hier nicht von der realen historischen Genealogie des Künstlers. So wurde der Maler und Bildhauer seit der Antike nie als "Narr" oder "Possenreißer" angesehen, sondern als geschickter Handwerker, der z.B. Früchte so täuschend ähnlich malen konnte, dass selbst Vögel darauf hereinfielen. Erst ab der Frührenaissance begann sich der bildende Künstler vom Handwerkertum hin zum gottähnliche Schöpfer zu emanzipieren, der sogar als über der Natur stehend verehrt wurde (Raffael, Michelangelo). Die performativen Künstlerinnen und Künstler dagegen waren bis zur Moderne meist weniger angesehen. In der Moderne scheint sich dann dieses Verhältnis geradezu umgekehrt zu haben.

Nietzsche geht es dagegen um die Bedeutung von Wahrheit und Lüge, bzw. um deren Umdeutung und Umwertung von Kunst und Kultur, von Illusion und Realität, von Spiel  und Maske.

Deshalb kann er auch im Schauspieler den Künstler par excellence erkennen.

 

 

 

 

Die Kunst als einzige mögliche Theodizee

 

An diesem Punkt kulminiert Nietzsches Denken in einer radikalen Umwertung des Theodizee-Gedankens. Klassische Theodizeen rechtfertigen Gott angesichts des Übels. Nietzsche verwirft dieses Modell. Nicht Gott, sondern das Dasein selbst steht zur Rechtfertigung an.

Diese Rechtfertigung kann weder moralisch noch wissenschaftlich erfolgen. Moral verurteilt, Wissenschaft erklärt – keine von beiden bejaht. Nur die Kunst vermag dies. Sie verwandelt Leiden nicht in Sinn, sondern in Form. Sie behauptet nicht, dass alles gut sei, sondern dass alles darstellbar, gestaltbar, tragbar ist.

Die tragische Kunst ist dabei der höchste Ausdruck dieser Haltung: Sie zeigt das Grauen, ohne es zu entschärfen, und bejaht das Leben gerade in seiner Härte.

 

Gegen die Askese – Stil, Spiel und Bejahung

 

Der Künstler als Narr und Schauspieler ist somit Nietzsches zentrale Gegenfigur zum asketischen Ideal. Er weiß, dass es keine letzte Wahrheit gibt – und gerade deshalb wird er schöpferisch. Nicht Entsagung, sondern Stil; nicht Wahrheit, sondern Gestaltung; nicht Weltflucht, sondern ästhetische Verwandlung.

Narren sind selten Asketen. Und wenn sie es doch sind, dann nur in einer verfehlten, närrischen Form: wenn sie ihre Maske für ein Gesicht halten und ihren Stil zur Wahrheit erklären. Der große Künstler hingegen bleibt Spieler. In diesem Spiel liegt für Nietzsche die höchste Form der Lebensbejahung.

 

(1) Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral III, 1-10

(2) Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft V, 361

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