„Mythos“ bedeutet ursprünglich nur „Erzählung“, die von Göttern und Menschen handelt und gilt als ursprüngliche Form, aus der sich dann der „logos“, also das „rationale“ Denken einerseits und die heutigen Religionen andererseits entwickelt haben. Trotz daraus resultierender Säkularisation, Entgötterung und Entmythisierung zeigen sich neue Mythen in den vielfältigsten Verwandlungen.

 

Einer der kulturell bedeutendsten der von Michel Foucault so genannten „Heterotopien“ ist der Garten, im Altpersischen „pairi.daêza“, das Paradies, heute der Bestandteil der Werbung eines jeden Gartencenters, als „hortus conclusus“ und als Park von Anfang an Abbild und Sinnbild der Welt. Doch ist der Park, der seit dem 18. Jahrhundert nach den Bildern berühmter Landschaftsmaler in Natur inszeniert wurde, ebenfalls ein mächtiger Denkraum, der heute eine der virulentesten Utopien sein dürfte – mit dem Ideal einer Welt als globalisierter Park.

Ich nehme die Landschaft zu einem Betrachtungsgegenstand und reproduziere subjektiv damit das, was ein ästhetisierender Blick seit langem in das Chaos der Natur als „Landschaft“ hineingesehen hat. 

Gerade angesichts der erhöhten Sensibilität für Zerstörung und Vernutzung der Natur, aber auch für deren Erhalt und Re-Naturierung muss das Naturschöne neu in den Blick genommen werden. Ein weiteres Argument für eine Wiederkehr des Naturschönen in der Kunst ist dessen ethische Implikation als Widerschein, als Möglichkeit eines guten Lebens. Trotzdem muss bedacht werden, dass eine Romantisierung der Natur als eine Form der Mystifikation angesehen werden kann, die deren Komplexität und oft auch scheinbare Grausamkeit ignoriert, obwohl letztere wohl eine Anthropomorphisierung darstellt.

 

 

One of the most culturally significant of what Michel Foucault calls "heterotopias" is the garden, in ancient Persian "pairi.daêza", the paradise, which today forms part of the advertising of every garden centre, as a "hortus conclusus" and as a park from the very beginning an image and symbol of the world. However, the park, which has been staged in nature since the 18th century according to the pictures of famous landscape painters, is also a powerful space for thought, which is probably one of the most virulent utopias today - with the ideal of a world as a globalised park. I take the landscape as an object of contemplation and thus subjectively reproduce what an aestheticising gaze has long seen in the chaos of nature as "landscape".  Particularly in view of the heightened sensitivity to the destruction and utilisation of nature, but also to its preservation and re-naturalisation, the beauty of nature must be re-examined. A further argument in favour of the return of natural beauty in art is its ethical implication as a reflection, as a possibility of a good life. Nevertheless, it must be remembered that a romanticisation of nature can be seen as a form of mystification that ignores its complexity and often apparent cruelty, although the latter is arguably an anthropomorphisation.

Geheimnisse des Gartens 04, Aquarell, 41 x 31cm     Garden Mysteries 04, Watercolour

 

Die Figur links oben im Bild blickt etwas fragend auf ein merkwürdiges Gebilde, während im unteren Teil eine große blaue Blume zu sehen ist. Sie erinnert an die "blaue Blume" der Romantik, insbesondere bei Novalis. Die  blaue Blume symbolisiert das Streben nach der Erkenntnis der Natur und  des Selbst, dem eigentlichen Ziel der Romantik. Die merkwürdige Form rechts oben könnte man mit einem abstrahierten Einäugigen verbinden, z.B. mit dem Riesen Polyphem, dessen Höhle Odysseus nur mit einer List entkommt. Der Preis dafür ist allerdings seine berühmte zehnjährige Irrfahrt, deren Schilderung zu den großen Erzählungen der Menschheit gehört. Die blaue Blume in meinem Aquarell wäre also ein Schatz, den man, wenn überhaupt, erst nach langen Irrungen und Wirrungen findet.

Ich sehe darin eine Allegorie der Kunst im Allgemeinen wie auch des künstlerischen Schaffensprozesses im Besonderen.

 

 

The figure at the top left of the picture is looking somewhat questioningly at a strange structure, while a large blue flower can be seen in the lower part. It is reminiscent of the "blue flower" of Romanticism, especially in No-valis. The blue flower symbolises the quest for knowledge of nature and the self, the ultimate goal of Romanticism. The strange shape at the top right could be associated with an abstract one-eyed figure, e.g. the giant Polyphemus, whose cave Odysseus only escapes from with a trick. The price for this, however, is his famous ten-year odyssey, the account of which is one of the great tales of mankind. The blue flower in my watercolour would therefore be a treasure that is only found, if at all, after long trials and tribulations.
I see it as an allegory of art in general and of the artistic creative process in particular.

 

 

 

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