Lust des Werdens

 

 

Cuncta fluunt, omnisque vagans formatur imago.

Alles ist im Fluss, und jedes Bild wird gestaltet, während es vorübergeht.

(Ovid, Metamorphosen, 15.178)

 

 

 

Hiermit stelle ich mein Kunst-Projekt METAMORPHOSEN vor, an dem ich seit Jahren arbeite, das aber schon in meinem früheren Werk eine wichtige Rolle spielt.

Ihrem Wesen nach, nämlich des Ausschneidens und Wieder-Zusammenfügens, tendiert die Collage dazu, aus früheren Kontexten neue zu schaffen. Dies wir noch verstärkt durch meine Praxis der Übermalung.

Übermalungen können als ein Akt der Transformation gesehen werden, bei dem alte Bilder überarbeitet oder völlig verändert werden. Dies kann symbolisch für persönliche oder gesellschaftliche Veränderungen stehen. Indem ich ältere Werke übermale, thematisiere ich Erinnerung. Dies kann eine Auseinandersetzung mit der Zeit darstellen.

Durch das Übermalen schaffe ich verborgene oder doppeldeutige Bedeutungen, die die Betrachter zur weiteren Reflexion anregen.

Ansonsten ist die Übermalung auch ein spielerisches Experimentieren mit Farben, Formen und Texturen, wobei der Prozess des Malens, des "Drippings" oder des Überzeichnens selbst in den Vordergrund rückt.

 

Metamorphose ist auch Weltauslegung. Auslegung heißt jedoch keinesfalls Reduzierung auf uns allgemein begreifbare und plausible Zusammenhänge, sondern vielmehr Aufzeigen des Irreduziblen, des Rätselhaften und damit Beunruhigenden. Das bedeutet jedoch nicht Verdunkeln, Verunklären oder Hinein-Geheimnissen, sondern im Gegenteil ein Klären, ja sogar Verklären dieser Rätselhaftigkeit. So darf die Metamorphose nicht als eine Art welt-immanenter Metaphysik oder Ontologie angesehen werden. In gewisser Weise ist die Metamorphose auch eine Große Erzählung, allerdings eine, die Anschaulichkeit beinhaltet und somit für Kunst und Kultur relevant ist, auch für deren aktuellste Ausprägung, nämlich KI.

Die Auslegungen sind nicht beliebig. Auch der Künstler kann – im Gegensatz zu einem geläufigen Vorurteil – nicht machen, was er will. Und dennoch, fasst man den Willen als übergeordnet, nicht bloß im Sinne purer Willkür, so ist dieser in einem schwer fassbaren und Sinne der Persönlichkeit zugeordnet (also keine metaphysische Wesenheit, wie bei Schopenhauer). Die Kunst legt nicht nur die Welt aus, sondern schafft auch – Welten. Im Werk allemal. Aber möglicherweise auch im Blickfeld des Betrachters. So entsteht ein Dialog – nicht über Farben und Formen, über Linien und Flächen (darüber vielleicht auch), sondern über „Lebenswelten“. Und über Natur: einerseits über die Natur außerhalb von uns, aber auch über uns selbst, die wir auch „Natur“ sind.

Nietzsche hat besonders auf „die ewige Lust des Werdens“[i] hingewiesen, die, über die aristotelische Katharsis hinaus, ein „Ja-Sagen zum Leben selbst noch in seinen fremdesten uns härtesten Problemen“ beinhalte. Uns heutigen mag die Lust daran vergangen sein und wir sollten uns eher mit Problem-Lösungen beschäftigen. Doch solche Lösungen, wie sie ja auch der Künstler – und insbesondere der Collagist – anstrebt, bringen neben harter Arbeit eben auch eine gewisse „Lust des Werdens“ mit sich und ich möchte diesen libidinösen Anteil nicht gering schätzen.

Gilles Deleuze hat diese „ewige Lust des Werdens“ vor allem im „Wunderland“ von Alice „hinter den Spiegeln“ aufgespürt[ii]. Wie viele Künstler hat auch mich die famose, wirklich-unwirkliche, geniale Alice zu collagistischen Arbeiten angeregt (zusammen mit den Caprichos von Goya).

Ich sprach von dem Lebenszusammenhang kulturell vermittelter Bilder mit Verweis auf die Vergangenheit und die Zukunft. Im Hinblick auf Deleuze muss ich dies jetzt präzisieren: Bilder sind zwar auch Texte, aber insofern anders, als bei Bildern immer alles simultan erfasst werden kann. Daraus resultiert eine Gleichzeitigkeit des Werdens, die „die Trennung von Vorher und Nachher, von Vergangenheit und Zukunft“ ignoriert.

Deleuze leitet daraus das Paradox „des Wesens des Werdens, in beide zeitliche Richtungen gleichzeitig zu verlaufen“, ab, das jedem „gesunden Menschenverstand“ widerspreche. Wir wussten es zwar schon vorher, aber nun wird es im Hinblick auf die Bilder deutlich: Die Metamorphosen lösen Identitäten auf, bilden neue, temporäre und zerstören diese wieder. Man kann deshalb nicht mehr von einem irgendwie feststehenden, eigentlichen Substrat sprechen, das eben in vielerlei Gestalt erscheint. Damit ist aber auch die für das Denken des Westens konstitutive Unterscheidung von Schein und Sein hinfällig, was Nietzsche immer wieder beschäftigte und ihn zu einem Lob der Oberfläche bewegte.

 

[i] Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung, Alt 5

[ii] Gilles Deleuze, Logik des Sinns, Vom reinen Werden, S. 15ff, Frankfurt 1993

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