Rhizom-Ästhetik

"Bäume des Wissens"

 

Deleuze und Guattari haben in "Tausend Plateaus" die Metapher des „Rhizoms“ eingeführt, um jene Schreib- und Denkweise zu kennzeichnen, die sich gegen hierarchische, dichotome und geschlossene Ordnungen wendet.

Der „Baum des Wissens“, seit der Antike Symbol für Ordnung, Ableitung und Klassifikation, steht für ein epistemologisches Paradigma, das Stabilität, Identität und eindeutige Zuordnung voraussetzt. In diesem Modell ist jedes Element einer höheren Ebene untergeordnet, alles folgt einem Prinzip der Ableitung.

Das Rhizom hingegen kennt keine zentrale Wurzel, keinen Ursprung, keine oberste Instanz. Es breitet sich horizontal aus, bildet Verbindungen zwischen heterogenen Punkten, erzeugt Querverweise, Übergänge, Durchlässigkeiten. Es kann an jedem Punkt unterbrochen werden, ohne dass seine Struktur zerstört wird – weil es nicht auf Linearität, sondern auf Konnexionen und Heterogenität beruht.

 

Meine Kunst verkörpert das Rhizom im Medium des Bildes. Sie zerstört ursprüngliche Kontexte und rekombiniert Fragmente zu neuen, offenen Sinnzusammenhängen. In diesem Sinne widersetzt sie sich dem klassischen Kunstideal einer meist harmonischen Form. Die Collage lässt den Zufall, das Disparate, das Mehrdeutige zu – ein Bruch mit vormodernen Vorstellungen von Kunst als Spiegel eines geordneten Kosmos. In ihr gewinnen die Einzelteile ein Eigenleben, das verschiedene jeweilige Sinnzusammenhänge ermöglicht - und oft auch wieder destruiert.

 

Masolino-Remix, 2026, 70 x 100 cm

 

Zwischen Autonomie und Lebenswelt

 

Das autonome Kunstwerk war lange Zeit ein Leitideal der Moderne. Doch schon früh wurde diese Autonomie von vielen Kunstströmungen in Frage gestellt: Dadaismus, Surrealismus, bestimmte Formen der Konzeptkunst und auch Beuys‘ „soziale Plastik“ suchten die Verbindung von Kunst und Leben, die nach wie vor ein immer wieder beschworenes Ideal der Moderne ist - trotz aller immanenter Widersprüche. Demgegenüber bejaht die Rhizom-Ästhetik diese Paradoxien - ohne autoritäres Beharren auf wirklichkeitsferne Dogmen. Sie lässt die Frage offen, in welchem Verhältnis künstlerische Produktion zur gesellschaftlichen Wirklichkeit steht.

Kunst bleibt dennoch immer auch ein Medium individueller Auseinandersetzung – mit Einsamkeit, Begeisterung, Scheitern, Widerstand.

 

Kunst ist Fiktion im umfassenden Sinne – abgeleitet vom lateinischen "fingere": bilden, formen, erdichten. Sie schafft imaginäre Möglichkeitsräume. Ihre Kraft liegt nicht in der Erklärung, sondern in der Präsenz, in der Erscheinung, in der Anrufung. Das Sichtbare eines Kunstwerks beinhaltet immer auch ein Unsichtbares – eine Spur, ein Fragment, eine Erscheinung. In diesem Sinn beinhaltet Rhizom-Ästhetik eine Offenheit für Verzweigungen, für Vieldeutigkeiten, für ästhetische Erfahrungen.

 

Die Moderne als leerer Epochenbegriff

 

Die Moderne, einst mit dem Pathos eines künstlerischen Aufbruchs versehen, hat sich längst zu einem weitgehend deskriptiven Terminus verflacht, der kaum mehr besagt, als dass ein bestimmtes Werk seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden ist. Diese begriffliche Entschärfung verweist auf ein Phänomen, das sich aus einer rhizomatischen Perspektive leichter erfassen lässt als aus der Sicht klassischer Epocheneinteilungen: Die Moderne bildet keinen Stammbaum, sondern ein Geflecht aus unzähligen Trieben, die in verschiedene Richtungen wuchern, ohne sich je auf einen gemeinsamen Ursprung zurückführen zu lassen.

 

Vor diesem Hintergrund wirken Etikettierungen wie „Postmoderne“, „Spätmoderne“ oder „zweite Moderne“ wie nachträgliche Ordnungsversuche in einem Feld, das sich selbst jeder linearen Struktur entzieht. Sie verraten das Bedürfnis, genealogische Linien zu ziehen, wo längst nur noch Überlagerungen und divergierende Bewegungen existieren. Dass Reckwitz von „Spätmoderne“ spricht, wirft folgerichtig die Frage einer möglichen Nach-Spätmoderne auf – als ließe sich das rhizomatische Wuchern der Kunst in Phasen gliedern. Auch die Idee einer „zweiten Moderne“ unterstellt eine Ordnung, die so nicht existiert: nicht Moderne I und Moderne II, sondern ein Nebeneinander verschiedenster Plateaus.

 

Veralltäglichung und Wucherung

 

Wie alle charismatischen Bewegungen unterliegt auch die Moderne einer gewissen Veralltäglichung: Dem enthusiastischen Aufbruch der frühen Jahre folgt eine Phase der Sedimentation und Institutionalisierung. Doch anders als in religiösen Traditionen, die sich aus anfänglichen Endzeiterwartungen zu stabilen Gebilden verdichten, verhält sich die Moderne weniger linear. Ihr anfänglicher Impuls verschwindet nicht, sondern lagert sich als Reservoir ab, aus dem später unvermutet neue Triebe hervorgehen können. Rhizomatisch betrachtet sind Veralltäglichung und Erneuerung daher keine Gegensätze, sondern miteinander verschränkte Kräfte.

Die Frühmoderne als heterogenes Feld

Die extreme Vielfalt der frühen Moderne – Surrealismus, Dadaismus, Abstraktion, Expressionismus, Kubismus, Neue Sachlichkeit – bestätigt im Rückblick nur, was aus rhizomatischer Sicht selbstverständlich erscheint: Die Moderne war nie eine einheitliche Stilformation. Sie bildete vielmehr ein Feld simultaner Experimente, in dem unterschiedlichste Ansätze nebeneinander existierten, sich gegenseitig infizierten oder unvermittelt auseinanderliefen, ohne ein gemeinsames Zentrum auszubilden.

 

Rhizom-Ästhetik als Netzwerk von Intensitäten

 

Nimmt man all dies zusammen, erscheint die Moderne nicht als abgeschlossene Epoche, sondern als Netzwerk, das sich fortwährend neu konfiguriert. Ihre Geschichte ist weniger eine Abfolge von Phasen als eine Abfolge von Intensitäten – Plateaus, die entstehen, sich überlagern, wieder verebben und an anderer Stelle erneut aufscheinen. Begriffe wie „Spätmoderne“ oder „zweite Moderne“ erfassen diese Struktur nur unzureichend. Eine rhizomatische Ästhetik hingegen ermöglicht es, die Moderne in ihrer eigentlichen Formation zu erkennen: als fortwährend wucherndes Feld, das weder Ursprung noch Endpunkt kennt, sondern nur Bewegungen, Kreuzungen und Übergänge.

 

Meine Feststellung, dass „Moderne“ heute primär ein chronologischer und kaum mehr ein irgenwie verbindlicher Begriff ist, lässt sich aus der Logik des Rhizoms unmittelbar verstehen:
Ein Rhizom hat keine einheitliche Wurzel, keinen Ursprung, auf den es sich rückführen ließe. Ebenso hat die Moderne längst ihre ursprüngliche programmhafte Identität verloren. Sie existiert als heterogenes Netzwerk unterschiedlichster Praktiken seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, ohne klar abgegrenzte Epochenlogik. Aus rhizomatischer Perspektive bedeutet dies: Die Moderne ist kein Stammbaum, sondern ein Wucherungsprozess, der stets neue Triebe bildet, ohne ältere zu kappen.

So setzt sich mein Befund, dass der Begriff „Moderne“ nicht mehr ein normatives Prärogativ hat, in eine rhizomatische „Ontologie“ um:
-Die Moderne ist ein Kartographie-Begriff, kein Genese-Begriff.

-Postmoderne, Spätmoderne, zweite Moderne: arboreszente Versuchungen

-Die Vielzahl der Begriffe – Postmoderne, Spätmoderne, zweite Moderne – sind aus meiner Sicht einer Rhizom-Ästhetik Versuche, ein arboreszentes (baumförmiges) Gerüst über einen eigentlich nicht-linear wuchernden Prozess zu spannen.

- „Postmodern“ versucht eine klare Abfolge.

- „Spätmoderne“ setzt ein teleologisches Auslaufen voraus.

- „Zweite Moderne“ (nach Klotz) eröffnet immerhin eine serielle Reihe, bleibt aber weiterhin indexierend, also auf eine Zählung fixiert.

Alle diese Begriffe gehen von einem zeitlichen Stammbaum aus – Generationen, Nachfolgen, Endpunkte –, was dem rhizomatischen Charakter kultureller Produktion widerspricht.
Aus rhizomatischer Sicht müsste man vielmehr sagen: Es gibt keine Moderne I, II oder III – es gibt multipel überlagerte Intensitätszonen des Modernen.Was nach der Spätmoderne kommt, ist daher nicht eine neue Epoche, sondern ein weiterer Trieb im Geflecht der kulturellen Produktion.

 

Druckversion | Sitemap
© heereart