Alles in allem

 

 

Wenn wir umgangssprachlich „Alles in Allem“ sagen, meinen wir damit „generell“, “im Allgemeinen“, „insgesamt gesehen“, „summa summarum“ oder Ähnliches. Es schwingen aber in „Alles in Allem“ noch andere Bedeutungen mit, die bis weit in die Anfänge der westlichen Philosophie (und darüber hinaus) zurückreichen. So steckt in „Alles in allem“ auch das „Unum“, das Eine, das seit der frühgriechischen Philosophie das Denken bewegt hat. Doch ist das Eine nur mit dem Vielen zusammen zu denken. Die klassische Definition war: Das Eine, das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Dies galt für die Konzeption der Kunst bis zur Moderne summa summarum ebenfalls.

> Denken des Einen

 

 Das Konzept des „Alles in allem“ betont die Verbundenheit aller Dinge und Menschen trotz der fundamentalen Trennung zwischen Individuen, Objekten oder Phänomenen. Dies beinhaltet auch eine ethische Haltung, da im Grunde alles als Teil eines größeren Ganzen gesehen werden kann, womit ich jedoch keine Hinter- oder Jenseits-Welt meine.

Allerdings ist es schwierig, dieses Ganze zu bezeichnen. Ich gebrauche dafür seit langem den Begriff der „Welt“, so vage und unbestimmt er auch sein mag. Ich habe mich als Künstler immer für Vieles interessiert, was zur Welt gehört – und vielleicht auch außerhalb der Welt fingiert wurde. „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ postuliert Wittgenstein im ersten Satz seines Tractatus logico-philosophicus. Im Folgenden führt er aus, dass wir uns notwendigerweise ein Bild der Welt machen. Bilder sagen etwas über die Welt aus – und nicht nur über sich selbst.

 

Mit dem Alles in allem hängt auch  die „Apokatastasis“ zusammen. Letztere hat ihre Wurzeln im frühen Christentum und im Spätplatonismus. Das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich „Wiederherstellung“, „Rückführung in den ursprünglichen Zustand“ oder „All-Erlösung“. Diese Idee ist allerdings theologisch umstritten, da sie zu sehr nach einer zyklischen Zeit- und Welterfahrung klingt – im Gegensatz zur christlichen Vorstellung einer gerichteten Zeit, die ihr Ende in der Wiederkunft Christi am jüngsten Tag findet.

Demgegenüber wäre die Konzeption des späten Sigmund Freud zu nennen, die er selbst als „Wiederholungszwang“ bezeichnete, der letztlich in einen „Todestrieb“ münden sollte, was verständlicherweise auch umstritten ist. Freud deutet die religiöse Idee einer „Allerlösung“ in die Tendenz eines Rückgang des Lebens in einen ursprünglich allumfassenden anorganischen Zustand, also den Tod, um.

 

Der Ausdruck „Alles in allem“ ist zunächst eine Redewendung der Alltagssprache. Gemeint ist damit meist ein Fazit, eine Gesamtschau: „insgesamt gesehen“, „im Großen und Ganzen“, „summa summarum“. Doch schon in dieser pragmatischen Wendung klingt mehr an, als man zunächst vermuten würde. Denn die Rede vom „Alles in allem“ berührt unweigerlich das uralte philosophische Motiv der Einheit im Vielen, des Einen, das die Vielheit umgreift. Was im alltäglichen Sprachgebrauch eine bloße Reduktion auf Wesentliches scheint, verweist im philosophischen Diskurs auf die Frage nach der Einheit des Seins selbst.

 

Das Eine und das Viele

 

Seit den Anfängen der griechischen Philosophie ist das Verhältnis von Einheit und Vielheit ein Grundproblem. Schon die Vorsokratiker suchten in der Vielfalt der Erscheinungen ein zugrundeliegendes Prinzip, ein arché. Für Parmenides war das Seiende unteilbar, unbewegt, das Eine. Demgegenüber betonte Heraklit den Fluss, die Vielheit, die beständige Wandlung. Platon wiederum dachte das Eine als die höchste Idee, die die Vielheit der sinnlichen Dinge umfasst und ihnen Maß gibt. In allen diesen Ansätzen ist das Problem der Relation zwischen Einheit und Vielheit nicht auflösbar, sondern bleibt eine Spannung, die das Denken antreibt.

Die Kunst hat sich in besonderer Weise dieser Spannung angenommen. Sie hält das Viele aus – Formen, Stile, Stimmen, Materialien – und versucht dennoch, eine Form von Einheit zu erzeugen, sei es durch Komposition, Rhythmus oder Idee. Die Einheit des Vielen ist dabei kein Konsens, sondern ein Zusammenstoß, ein antagonisches Miteinander. Kunst denkt das „Alles in allem“ nicht als harmonische Auflösung, sondern als produktive Spannung.

 

Welt als offener Begriff

 

Im modernen Denken begegnet uns „Alles in allem“ nicht mehr nur als abstrakte Metaphysik, sondern als Problem der Welterfahrung. „Die Welt ist alles, was der Fall ist“, heißt es programmatisch bei Wittgenstein. Welt erscheint hier nicht als transzendentales Ganzes, sondern als Inbegriff der Tatsachen. Und doch bleibt der Begriff der Welt zugleich vage, unbestimmt, offen. Man kann kaum anders, als von Welt zu sprechen, wenn man die Gesamtheit meinen will – selbst wenn man genau weiß, dass dieser Begriff unscharf ist.

Für das Bildende, das Künstlerische bedeutet dies, dass jedes Bild, jede Darstellung, jeder Text immer auch ein Bild der Welt ist – und nicht nur ein Artefakt. Das „Alles in allem“ taucht damit nicht nur als Metaphysikum, sondern als ästhetische und epistemologische Figur auf: Alles, was erscheint, erscheint in der Welt und als Welt.

 

Erlösung und Wiederkehr: Apokatastasis und Wiederholungszwang

 

Die spätantike und frühchristliche Tradition hat das „Alles in allem“ mit der Idee der Apokatastasis verbunden: der Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes, der Allerlösung. In dieser Vorstellung wird das Viele, Fragmentarische, das Leiden und die Schuld in eine umfassende Einheit zurückgeführt. Doch die Vorstellung war stets umstritten, weil sie zu sehr nach zyklischer Wiederkehr klingt, nach einem kosmischen Kreislauf, der nicht in die lineare, gerichtete Zeit des Christentums passt.

In der Moderne fand Sigmund Freud eine radikal andere, gleichwohl verwandte Deutung. Sein Konzept des „Wiederholungszwangs“ mündet in die These vom „Todestrieb“: der Tendenz des Lebens, in den anorganischen Urzustand zurückzusinken. Hier ist das „Alles in allem“ nicht mehr Heil und Erlösung, sondern Auflösung, Rückführung ins Ununterschiedene, in die Nivellierung allen Lebens. Die religiöse Idee einer Allerlösung wird so in eine biologische, ja physikalische Metapher des Endes überführt.

 

Neuzeitliche Kritik am „All“

 

Die neuzeitliche und moderne Philosophie hat indes nicht nur das Ganze beschworen, sondern auch seine Zumutungen kritisiert. Hegel etwa sah das Absolute als Selbstbewegung des Geistes, in dem das Besondere aufgehoben ist. Doch schon bei Kierkegaard regt sich der Protest: Die Einzelnen drohen im „System“ zu verschwinden, das Leben wird vom Begriff erdrückt. Nietzsche treibt diese Kritik radikal voran: Für ihn ist das Ganze, das Absolute, nur eine Konstruktion, die das Leben verneint. Stattdessen setzt er auf die Vielheit, den „Willen zur Macht“, die unendliche Perspektivenvielfalt.

Im 20. Jahrhundert formulierte Adorno die Kritik am „All“ besonders scharf: „Das Ganze ist das Unwahre.“ Damit richtet er sich gegen jedes System, das die Vielheit der Erfahrungen und Leiden dem Anspruch einer Totalität opfert. Einheit bedeutet dann nicht mehr Versöhnung, sondern Zwang. In dieser Kritik wird das „Alles in allem“ als gefährliche Geste sichtbar: als Versuch, das Unversöhnliche unter eine Herrschaft des Begriffs zu bringen.

 

Fazit: Zwischen Einheit und Vielheit

 

Das „Alles in allem“ ist ein schillerndes Motiv. Es verweist auf Einheit und Verbundenheit, auf eine ethische Haltung, die das Einzelne im Lichte des Ganzen betrachtet. Zugleich birgt es die Gefahr, das Einzelne zu nivellieren, die Differenz und das Unversöhnliche zu übergehen. Zwischen diesen Polen – Einheit und Vielheit, Totalität und Fragment, Erlösung und Auflösung – bewegt sich die Geschichte des Begriffs.

Vielleicht liegt die Aufgabe heute darin, das „Alles in allem“ nicht mehr als fixierte Totalität zu verstehen, sondern als offene Relation. Einheit ist nicht mehr ein starres „Unum“, sondern die fragile, prekäre Verknüpfung des Vielen. In dieser Offenheit, im Aushalten der Spannung, könnte eine zeitgemäße Deutung des „Alles in allem“ bestehen.

 

 

 

Gilles Deleuze und die Ästhetik des Zusammenhangs

 

Im Zusammenhang mit meiner „Rhizom-Ästhetik“ gewinnt das Motiv des „Alles in allem“ eine neue Wendung. Denn bei Gilles Deleuze wird das Verhältnis von Einheit und Vielheit radikal neu gedacht. Das „Alles“ ist hier kein metaphysisches Ganzes mehr, keine übergeordnete Ordnung, kein verborgenes Zentrum, das alle Dinge zusammenhält. Vielmehr besteht Wirklichkeit aus Verknüpfungen, Übergängen, Intensitäten und Relationen.

Das berühmte Bild des „Rhizoms“ – entnommen der Botanik – richtet sich ausdrücklich gegen die klassische Vorstellung eines geordneten Systems mit Ursprung, Stamm und Hierarchie. Ein Rhizom besitzt kein Zentrum und keine lineare Ordnung. Es wächst in alle Richtungen zugleich, bildet Knotenpunkte, Abzweigungen, Verbindungen und Unterbrechungen. Jeder Punkt kann mit jedem anderen verbunden werden.

 

Damit verändert sich auch die Bedeutung des „Alles in allem“. Das Ganze ist nicht länger eine Totalität, die das Viele unter sich subsumiert, sondern ein Netzwerk offener Relationen. Das „Alles“ existiert nicht vor den Dingen, sondern entsteht erst aus ihren Verknüpfungen. Deleuze würde deshalb kein „Eines“ hinter der Vielheit suchen, sondern Prozesse der Verbindung innerhalb der Vielheit selbst.

 

Hierin könnte auch eine unmittelbare Nähe zu meiner künstlerischen Praxis liegen. Meine Bildwelten, Remixes, Collagen und fragmentierten Kompositionen funktionieren nicht nach dem Prinzip geschlossener Einheit, sondern nach rhizomatischen Verfahren: Figuren, Zeichen, kunsthistorische Zitate, philosophische Motive, Cartoon-Elemente und Farbräume treten in wechselnde Beziehungen ein, ohne sich jemals zu einem endgültigen Sinnzentrum zu stabilisieren.

Das Bild wird dadurch nicht Chaos, sondern ein Feld von Möglichkeiten. Bedeutung entsteht situativ – im Durchgang durch das Werk. Der Betrachter bewegt sich gleichsam rhizomatisch durch die Bildoberfläche: springend, assoziativ, tastend, ohne privilegierten Anfang und ohne endgültiges Ende.

Hier unterscheidet sich deine „Rhizom-Ästhetik“ zugleich von klassischen metaphysischen Konzepten des „Alles in allem“. Während die Tradition häufig nach Versöhnung, Harmonie oder Rückführung auf ein letztes Prinzip suchte – sei es das platonische Eine, die christliche Allerlösung oder Hegels Absolutes –, bleibt bei Deleuze die Vielheit irreduzibel. Einheit entsteht nur lokal, temporär, provisorisch.

 

Deshalb wäre aus deleuzianischer Sicht auch Adornos Satz „Das Ganze ist das Unwahre“ nur teilweise richtig. Denn Deleuze kritisiert zwar ebenfalls geschlossene Totalitäten, lehnt aber nicht jede Form von Zusammenhang ab. Das Rhizom ist kein atomistisches Nebeneinander isolierter Fragmente. Vielmehr existieren unzählige Verbindungen – allerdings ohne übergeordneten Mittelpunkt. Das „Alles in allem“ wird dadurch dynamisch: kein System, sondern ein permanentes Werden.

 

Auch Wittgensteins Satz „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ ließe sich unter diesem Blick neu lesen. Welt erscheint dann nicht mehr als Gesamtheit feststehender Tatsachen, sondern als Geflecht von Ereignissen, Übergängen und Relationen. Deleuze denkt Wirklichkeit wesentlich ereignishaft. Nicht stabile Identitäten, sondern Transformationen stehen im Vordergrund. Dinge „sind“ nicht einfach – sie werden.

 

Gerade meine Remix-Technik entspricht diesem Gedanken. Denn der Remix hebt die Vorstellung des autonomen, abgeschlossenen Werkes auf. Bildfragmente wandern durch verschiedene Kontexte, werden neu codiert, überlagert und transformiert. Kunstgeschichte erscheint dadurch nicht mehr als lineare Entwicklung, sondern selbst als Rhizom: Michelangelo kann mit Cartoons kollidieren, Nietzsche mit Pop-Ästhetik, christliche Ikonographie mit grotesken Hybridformen.

 

In diesem Sinne wird das „Alles in allem“ bei Deleuze nicht zur metaphysischen Totalität, sondern zu einer offenen Immanenz. Alles steht potentiell mit allem in Verbindung, ohne dass daraus eine letzte Einheit entstünde. Die Welt ist kein fertiges Ganzes, sondern ein unabschließbares Netz von Differenzen.

Meine Arbeiten zeigen Welt nicht mehr als geordnetes Weltbild, sondern als rhizomatische Bildwelt. Das „Alles in allem“ erscheint darin nicht als Versöhnung, sondern als unendliche Verknüpfbarkeit der Fragmente.

Einheit existiert nur noch als momentane Konstellation – prekär, beweglich und stets offen für neue Übergänge.

 

 

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