Wir sind kulturelle Wesen. Wir leben in einer Welt, die aus Bildern, Symbolen, Erinnerungen, Mythen, Erzählungen und Zeichen besteht. Unsere Wirklichkeit ist niemals einfach gegeben; sie wird kulturell hervorgebracht.
Was wir sehen, fühlen und erkennen, ist immer schon durch kulturelle Formen geprägt. Sprache, Religion, Wissenschaft, Kunst, Architektur, Medien, Fotografie, Film und digitale Netzwerke schaffen jene symbolischen Ordnungen, innerhalb derer Wirklichkeit überhaupt erst erfahrbar wird.
Das bedeutet nicht, dass gewisse Erfahrungen - auch ästhetische - unmittelbar empfunden werden.
Die Zeichen scheinen dann nichts anderes mehr zu bezeichnen, sondern sich selbst.
Wir sehen keine Landschaft ohne Erinnerungen an Landschaftsbilder. Wir betrachten keinen Körper unabhängig von jahrtausendealten Schönheitsidealen. Wir denken Religion durch Bilder, Geschichte durch Erzählungen und Gegenwart durch mediale Inszenierungen. Selbst unsere Vorstellungen von Natur sind kulturell geformt.
Unsere Welt besteht deshalb weniger aus Dingen als aus Bedeutungen. Sie erscheint als ein unaufhörlich wachsendes Geflecht von Zeichen, das jede Generation verändert und erweitert. Kultur ist nicht bloß ein Bereich unseres Lebens; sie ist die Weise, in der menschliches Leben überhaupt Wirklichkeit gewinnt.
So wird die Collage für mich von einer künstlerischen Technik zu einem Modell unseres Weltverhältnisses. Erinnerungen, Medienbilder, historische Kenntnisse, persönliche Erfahrungen, Träume und digitale Informationen überlagern sich unablässig. Wahrnehmung entsteht aus einer Vielzahl heterogener Fragmente und wir durch unsere kulturelle Prägung scheinbar ganzheitlich. So ist unser räumlich gestaffeltes Sehfeld keine Selbstverständlichkeit und muss in der Entwicklung des einzelnen Menschen in der Kindheit erst "erlernt" werden. Möglicherweise ist diese Sehstruktur in anderen Kulturen anders.
In meinen Arbeiten begegnen sich antike Skulpturen und Comics, religiöse Ikonen und Popkultur, Architektur und Natur, historische Gemälde und digitale Bildwelten. Diese Elemente erzeugen neue Zusammenhänge. Unterschiedliche Zeiten treten gleichzeitig in Erscheinung. Vergangenheit wird Gegenwart, wird Präsenz.
Fremdes wird vertraut. Vertrautes erscheint plötzlich fremd.
Die Collage könnte man somit als eine Anthropologie der Moderne bezeichnen. Sie macht sichtbar, wie kulturelle Wirklichkeit als offenes Netzwerk unzähliger Beziehungen entsteht.
Ebenso grundlegend ist die Bedeutung des Fragments.
Das Fragment besitzt in meinen Arbeiten keinen Mangelcharakter. Es verweist nicht auf etwas Fehlendes, sondern eröffnet einen Raum neuer Möglichkeiten. Gerade weil es unvollständig bleibt, lädt es zur Imagination ein. Es fordert den Betrachter auf, selbst Beziehungen herzustellen und Bedeutungen zu entwickeln.
Das Fragment widerspricht der Vorstellung eines abgeschlossenen Weltbildes. Es zeigt Kultur als einen niemals beendeten Prozess. Jede Epoche übernimmt Überreste früherer Zeiten, deutet sie um und fügt sie in neue Zusammenhänge ein. Kultur entsteht aus Erinnerung ebenso wie aus Vergessen.
Meine Bilder bewahren Fragmente vergangener Bildwelten, ohne sie zu restaurieren. Sie verwandeln sie in Elemente neuer kultureller Konstellationen.
So entstehen jene imaginären Welten, die den eigentlichen Gegenstand meiner Kunst bilden.
Diese Welten sind keine Flucht vor der Realität. Sie erweitern sie. Sie zeigen Möglichkeiten des Sehens, Denkens und Empfindens, die innerhalb alltäglicher Wahrnehmung verborgen bleiben. Kunst erschafft keine zweite Wirklichkeit neben der bestehenden; sie macht sichtbar, dass Wirklichkeit selbst immer schon imaginativ konstruiert ist.
Deshalb erscheinen Landschaften, Figuren oder Architekturen in meinen Arbeiten häufig weder eindeutig real noch eindeutig fiktiv. Sie bewegen sich zwischen Erinnerung und Erfindung, zwischen Geschichte und Gegenwart, zwischen Traum und Dokumentation.
Die ästhetische Erfahrung besteht darin, dass sich neue Beziehungen zwischen den Zeichen bilden. Bedeutung entsteht nicht aus einer eindeutigen Botschaft, sondern aus einem offenen Spiel der Möglichkeiten.
Der Ausdruck Kosmos bezeichnet ein Universum ständig wachsender Beziehungen. Kultur ist kein abgeschlossenes Archiv. Sie gleicht einem lebendigen Organismus, der fortwährend neue Zeichen hervorbringt, ältere verändert und scheinbar Vergessenes wieder sichtbar werden lässt.
Jedes Kunstwerk erweitert diesen Kosmos. Es eröffnet neue Perspektiven auf bereits vorhandene Bilder. Kunst lebt von der Umordnung des Bekannten. Sie erzeugt Differenzen, Analogien, Widersprüche und überraschende Nachbarschaften.
In diesem Sinn besitzt jedes Bild eine rhizomatische Struktur. Es verweist in viele Richtungen zugleich. Seine Bedeutung entsteht nicht isoliert, sondern innerhalb eines unendlichen Netzes kultureller Beziehungen.
Hier erhält die Kunst ihre besondere Bedeutung.
Sie reproduziert Kultur nicht lediglich, sondern macht ihre verborgenen Mechanismen sichtbar. Sie zeigt, dass jede Wirklichkeit konstruiert, vermittelt und interpretierbar ist. Zugleich erweitert sie den kulturellen Horizont, indem sie neue Zeichen hervorbringt und bestehende neu miteinander verbindet.
Jedes meiner Bilder versteht sich daher als Experiment innerhalb dieses kulturellen Universums. Es ist selbst ein Denkraum, ein Ereignis. Es untersucht die Bedingungen, unter denen Bilder Bedeutung erzeugen und neue Wirklichkeiten entstehen.