Affekten-Lehre
Dass es stringente Parallelen von Nietzsches Philosophie mit dem Surrealismus gibt, zeigt Miriam Ommeln in ihrem Buch „Die Verkörperung von Friedrich Nietzsches Ästhetik ist der Surrealismus“.
Im Zuge von Nietzsches Affektenlehre („man vergisst, dass es nur auf die Gesamtheit von Affektionen ankommt, gleichgültig ob sie auf Wahrheit oder Irrtum beruhen“) seien Traum und Wirklichkeit für Nietzsche komplementär, da nur die Rolle der Phantasie die Empfindung und damit die Affekte beeinflusse. Die Bezugnahme auf den Leib verweise den Künstler auf seinen eigenen Leib und seine Affekte. So schaue der Mensch in seinen Kunstwerken die Welt, die er sich selbst geschaffen hat – und damit sich selbst – an. Diese Optik des Spiegels bewirke, dass er sich lustvolle Illusionen und Wahnvorstellungen schafft und damit einen Automatismus beim Rezipienten schafft: „Schönheits-Bejahungen regen sich gegenseitig auf und an. Wenn der ästhetische Trieb einmal in Arbeit ist, kristallisiert sich um das einzelne Schöne noch eine ganze Fülle anderer und anderswoher stammender Vollkommenheiten. Es überhäuft den Gegenstand, der es erregt, mit einem Zauber, der durch Assoziation verschiedener Schönheits-Urteile bedingt ist – aber dem Wesen jenes Gegenstandes ganz fremd ist. Ein Ding als schön empfinden heißt: es notwendig falsch empfinden.“
Die Schönheit wäre nichts als ein Konstrukt unserer Affekte.
Diese Methode der Assoziationen entspräche der „paranoisch-kritischen Methode“ der Surrealisten. Diese „Kunst des Überschusses und Ausströmens von blühender Leiblichkeit in die Welt der Bilder und Wünsche“ ist für Nietzsche untrennbar mit den Masken des Dionysos verbunden.
Für Nietzsche wie für die Surrealisten gilt das Postulat des ewigen Werdens und damit die große Bedeutung der Metamorphose.
Das spielerische Verarbeiten von Objekten der Phantasie zu einer Verdichtung der Gegensätze findet für die Surrealisten wie für Nietzsche in einer spezifischen Raum-Zeit statt, für die Bildelemente Vexierbilder sind, also keine naturalistisch-realistische Darstellungen.
Phantasie-Regulierung
„Die Bildelemente des Rätselhaften, des Labyrinthischen, der Anamorphose, der Anthropomorphose und der Metamorphose sind für Nietzsche eine ästhetische Notwendigkeit und zugleich ontologische Bedingung. Stichworte dafür: Ariadne, Maske, Täuschung, Perspektivismus, Umwertung der Werte, Spiel“.
Bei der Phantasietätigkeit handele es sich um einen Automatismus von Wahngebilden und Täuschungen, die aber real und objektiv sind. Diese Entwicklung der Imagination stellt für Nietzsche eine Art schöpferischer Erkenntnis dar, die die Rezipienten zu einem „Verkennen der Wirklichkeit“ nötigt, da es „kein Sein gibt, nur ein Werden“.
Miriam Ommeln verdeutlicht ausführlich die tragisch-dionysische Welt Nietzsches am Beispiel der Metamorphose, die sich „dem Menschen auf einer tragischen Bühne präsentiert, indem er selbst Schauspieler und Zuschauer zugleich ist“.
„Die Welt ein ästhetisches Phänomen, eine Reihe von Zuständen am erkennenden Subjekt: eine Phantasmagorie nach dem Gesetz der Kausalität. […] jenes Theaterspiel, das das Subjekt sich selber spielt: es ist ein Wahn. Die Geschichte ist eine Vermeintlichkeit – nichts mehr; die Kausalität das Mittel, um tief zu träumen, das Kunststück, um über die Illusion sich zu täuschen, der feinste Apparat des artistischen Betruges.“
Deshalb kommt der „Phantasieregulierung“ eine entscheidende Rolle in der Bewältigung der Welt zu. So „erlangt der schöne Schein bei Nietzsche eine immense Bedeutung, da er die verschiedenen assoziativen Möglichkeiten der wählbaren Wahngebilde erscheinen lässt und sie dann mit einer inhaltlichen Bedeutung versehen werden können.“
Nietzsche: „Ich habe nichts als Empfindung und Vorstellung.“