SCHÖNHEITEN

„La donna e mobile“! So beginnt eine der bekanntesten Arien der Operngeschichte, nämlich die des Herzogs von Mantua in Verdis Oper „Rigoletto“. „Oh wie so trügerisch sind Frauenherzen“! So klingt die deutsche Nachdichtung. „Immer ein liebreizendes, hübsches Gesicht, weinend oder lachend, ist es doch trügerisch.“ Ist wirklich alles Lüge?

 

Wenn wir uns nicht davon beirren lassen, dass natürlich auch die Männerherzen voll Lug und Trug stecken können, müssen wir uns fragen, was denn die Wahrheit, der Gegenbegriff zur Lüge bedeuten kann. "Die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind." meint Friedrich Nietzsche. Damit will er ausdrücken, dass der Motor der kulturellen Entwicklung nur durch Lügen, Illusionen, Projektionen, Hoffnungen warm, bzw. heiß läuft. Der schöne, aber auch der hässliche Schein wären also nicht nur ein trügerisches Gaukelspiel, das uns die Wahrheit, das Wesen der Welt verunklärt und uns in die Irre führt, sondern es verhält sich nach Nietzsche genau umgekehrt: Die wahre Welt sei die Illusion, wohingegen der Schein des Scheins, also der gestaltete Schein die Lebenswelt ausmacht. Und der beste Ausdruck des Scheins des Scheins sei die Kunst. Nur durch den Scheincharakter der Kunst wäre die tragische und manchmal schreckliche eigentliche Welt, die immer Chaos sei, überhaupt nur erträglich.

 

In diesem Zusammenhang spricht Nietzsche von einer "künstlerischen Theodizee". Mit dem Begriff der Theodizee bezeichnet man die Rechtfertigung der Existenz des Bösen durch einen als grundsätzlich gut geglaubten Gott, ein Problem, das bis heute nicht gelöst ist. Die künstlerische Theodizee darf man, wie im Verlauf der Moderne geschehen, keinesfalls insofern missverstehen, als sei eine Kunst des schönen Scheins lediglich die Beweihräucherung der Übel und Missstände dieser Welt, die teilweise naturbedingt und teilweise – in immer größerem Umfang – hausgemacht sind. Ganz im Gegenteil, nach „dem Tod Gottes“, den Nietzsche zwar beklagt, aber für unabdingbar hält, könnte gerade eine Kunst der Verklärung eine andere, eine schönere Welt schaffen, allerdings nur als Kunst. Aber eben durch die Vorwegnahme dieser fabelhaften Utopien habe man überhaupt die Hoffnung einer besseren – und das heißt heute nicht mehr und nicht weniger – überlebensfähigen Welt.

 

 

Heribert Heere

KÜNSTLER